Wieder mal in Leipzig...

Erik Simon am 16. 10. 1996 zu Gast im FKSF

Bericht von Andreas Hirn



Erik Simon ist ja des öfteren in Leipzig anzutreffen. Sogar so oft, daß Manfred beim Elstercon im
Mai ein "Du bist schon wieder da." entfuhr. Diesmal stellte Erik in dem schönen Raum/Saal in der
Elsterstraße zwei differierende Abendverläufe zur Auswahl vor. In öffentlicher Wahl setzte sich die
Vorstellung der von ihm zusammengestellten Alternativweltanthologie gegen einen "kurzweiligen
Abend mit Erik Simon" und unveröffentlichten Geschichten und Gedichten durch.
Um die Geschichte der Anthologie zu beschreiben, muß man sehr weit ausholen. Im Jahre 1931
erschien nämlich ein Band mit Essays (v. a. englischer und amerikanischer Autoren), die in einer
alternativen Welt geschrieben wurden und in denen über alternative Geschichtsverläufe nachgegrübelt
wird, wenn die Historie z. B. so stattgefunden hätte, wie sie es wirklich tat, dies jedoch völlig andere
Auswirkungen zeitigt. Die Sammlung war mit "What happened if..." überschrieben und liegt in
übersetzter Form beim Heyne-Verlag vor, harrt jedoch noch einer Veröffentlichung. Erik schlug
Wolfgang Jeschke, der ein paar der Texte bereits im SF-Jahr untergebracht hatte, vor, noch einen
zweiten Teil mit "Was wäre, wenn"-Aufsätzen zu gestalten. In diesem sollten vor allem
osteuropäische und deutsche Autoren vertreten sein. Erik hat einige Essays zusammen, ein
mündliches Ja von W. Jeschke - ob das Projekt allerdings je realisiert wird, weiß noch niemand.
"Was wäre, wenn Thälmann 1934 nicht Reichspräsident geworden wäre". So überschrieb Erik Simon
seinen eigenen Beitrag, in dem sich die NSDAP spaltete, die KPD die Wahl gewann und Thälmann
nach Hindenburgs Tod Reichspräsident wurde. Die Geschichte verlief dennoch genau so (oder
zumindestens fast), wie wir sie kennen. Hier wird nun nachgegrübelt, ob Adolf Hitlers
Machtergreifung den 2. Weltkrieg und die deutsche Teilung hätte verhindern können.
Danach las Erik noch einen Artikel eines Tschechen, in dem es um die gesamteuropäische Geschichte
geht. Auch hierin wird Deutschland geteilt, in einen "Deutschen Bund" diesmal. Der eigentliche
Blickwinkel liegt jedoch auf tschechischem Gebiet, weil in der alternativen Geschichte sich das Land
kurz nach dem 2. Weltkrieg trennte und vor ein paar Jahren wieder zusammenschloß, zum
"Großmärischen Reich".
Der letzte von Erik gelesene Essay war ein Ausschnitt aus einer Arbeit eines russischen Autors, in der
Alaska nicht an die US-Amerikaner verkauft worden ist.
Das Zuhören verlangte zwar einige Konzentration, jedoch sind die Gedankenspielereien sehr
aufschlußreich, wenn man sich ein wenig für Geschichte interessiert. Da wäre es natürlich schön, den
Text vor sich zu haben und auch einmal in einem Buch nachzuschauen. Für etwas ausgefallenere
Epochen hat Erik jeweils einen kleinen Vorspann geschrieben, der die tatsächlichen Ereignisse
beschreibt.
Die bis jetzt von Erik gesammelten Texte würden schon einen eigenen Band füllen, und er hat auch
einige namhafte Autoren für die Mitarbeit gewinnen können, so z. B. von Karlheinz Steinmüller, Kir
Bulytschow, Karsten Kruschel und Rolf Krohn.
Viel diskutiert haben wir zwar diesmal nicht, der Besuch der Veranstaltung hat sich dennoch gelohnt,
Gedankenspiele a lá "Was wäre, wenn" sind schließlich das Salz in der SF-Suppe.