Schöpfung einer Welt
The House Of Usher: Cosmogenesis
(Équinoxe Records, 1999)
gehört von Thomas Hofmann
Welch ein Titel für ein Album! Ein hoher Anspruch, den zu erfüllen
sicher nicht leicht fällt. Wie auch immer, auf alle Fälle sollte man
diese Musik-CD nicht für sich allein genommen betrachten; sie reiht sich
ein in eine Art Weltschöpfung, die wohl auch noch lange nicht abgeschlossen
ist (neue Projekte werfen ihre Schatten voraus). Genau deshalb kann sie auch
mit Fug und Recht in diesem SF&F-Zine vorgestellt und empfohlen werden.
Kopf der Rockband The House Of Usher ist, wie den Lesern von SOLAR-X sicher
längst bekannt, der Phantastik- und Gruselautor Jörg B.-Kleudgen.
Wie auch auf den vorangegangenen Veröffentlichungen der Band ist dieser
eine Geschichte aus der Feder des Autoren beigelegt. Natürlich steht sie
im Zusammenhang mit den Intentionen der Lieder.
Nun erschien ja etwa ein halbes Jahr vor diesem Album das Buch mit Erzählungen
gleichen Titels von Jörg in der Goblin Press. Wie schon in der SX-Rezension
zu dem Erzählungsband erwähnt, handelt ein Großteil der Geschichten
in einer fiktiven Stadt auf dem indischen Subkontinent - Cathay. So auch die
diesem Album beigelegte Erzählung, was jetzt sicher niemanden überraschen
dürfte.
Es handelt sich übrigens um die Geschichte, die Jörg im September
1999 in Leipzig unter erschwerten Bedingungen (Erkältung) vortrug (die
längere von den beiden): "Bethany", die traurige Geschichte um
eine wundersschöne Frau, die in dem exotischen, unheimlichen, ewig feuchten
Cathay ihr Dasein fristet. Dorthin kommt ein Architekt, der für den Mann
Bethanys ein Haus entwerfen soll. Es kommt, wie es kommen muß, Architekt
und Bethany verlieben sich ineinander, finden Halt in dieser absoluten Fremde
aneinander und werden durch das Schicksal wieder auseinandergerissen; für
Bethany endet dieses Abenteuer tödlich, aber vielleicht ist ihr Tod eine
Erlösung.
Für mich war die Lektüre der Story sehr aufschlußreich, denn
ihre Länge ließ sie bei der Lesung unübersichtlich erscheinen;
sie eignet sich eher für stilles Selberlesen.
Die Regengeräusche, die während der Lesung ständig zu hören
waren (eingespielte CD) wurden mir beim Lesen noch einmal sehr deutlich, da
Wasser, Feuchtigkeit, Regen, Nässe permanent gegenwärtig sind; ein
Wunder, daß kein Wasser aus den Seiten des Heftchens rinnt...
In der Trackliste des Albums finden wir viele Titel aus dem Inhaltsverzeichnis
des Buches wieder. Schade, daß aufgrund der abgedruckten Geschichte kein
Platz im Booklet für die Texte war, hätte sie gerne mit den Storyinhalten
verglichen (natürlich kann der versierte Englisch-Kenner die Lieder verfolgen
und die Texte verstehen, aber da muß ich ein persönliches Manko eingestehen.)
Die Musik erschien mir diesmal rockiger als bei den Vorgängeralben; aber
vielleicht täuscht der Eindruck. Auf alle Fälle klingt sie ein wenig
anders als zuvor, behält aber die für THOU typischen Songstrukturen,
den dunkel-tiefen Gesang Jörgs. Aber doch, einige Songs sind regelrecht
treibend; die schnellen, dynamischen Passagen werden ergänzt durch ruhig-spacige,
schwebende Sequenzen; in dem 16-Minuten-Track "Graceland" nimmt dieser
Part regelrecht sinfonischen Charakter an, untermalt von Brandungswellengeräuschen
und denen einer einfahrenden Eisenbahn - kommen unsere Helden an den fremden
Gestaden Cathays an?
Über 66 Minuten tolle, dunkle Rockmusik, professionell produziert, eingängige
Melodien, treibende Beats und ein faszinierendes Konzept - all dies rechtfertigt
den "kosmologischen" Titel des Albums - für Fans der Weird Fiction
aus dem Hause Goblin Press ohnehin ein Muß!