Boris
Koch & Jörg Kleudgen: 365 Grad
Neben Eddies Taschenbuchdebüt liegt hier nun ein zweites von insgesamt
drei gleichzeitig produzierten Taschenbüchern vor. In sehr liebevoller
Aufmachung und gediegener Endfertigung mit ordentlicher und haltbarer Klebebindung
und Leinenkartoncovern können sich die Bände durchaus sehen lassen
und brauchen sich keineswegs hinter irgendwelchen professionellen TBs verstecken,
auch wenn sie sicher nicht deren Auflagenhöhe erreichen und leider auch
nicht deren Beachtung finden.
Gegenüber den beiden älteren TBs - "Fischaugen im Dämmerlicht"
und "Der Alp" - hat die Goblin Press äußerlich sehr zugelegt.
Wollen doch mal sehen, ob dies auch inhaltlich so zutrifft.
Die Geschichten, die die Goblin Press favorisiert, sind die eher schwarzen und
düsteren, mitunter schwer im geistigen Verdauungstrakt liegenden Phantasien,
die sicher immer schwer ein breites Publikum finden werden - denn auch im Grusel-
und Horrormetier gilt wohl, daß das Publikum die eher leichtverdaulichen
Speisen bevorzugt. Nun ja, dafür gibt es ja den Small Press Sektor...
"365 Grad" schlägt da allerdings aus dem Rahmen!
Hierbei handelt es sich um einen eindeutig unterhaltenden, geradlinigen Abenteuerroman
- mit happy end. (Habe ich jetzt was verraten? Denke nicht, denn bei der Lektüre
merkt man schnell, daß diese Geschichte nicht böse ausgehen kann.)
Einzig nontrendy ist die Sprache und sicher auch der Plot; beides erinnert an
die 20er bis 40er Jahre, an die Pulp-Ära (nein, diesmal kaum an Lovecraft...).
Andererseits ist der Stoff doch nicht so unzeitgemäß, schließlich
fühlte ich mich doch mitunter an Indiana Jones erinnert.
Die Autoren halten sich nicht lange bei Vorgeplänkel und langen Einführungen
der Charaktere auf; es geht sogleich zu Sache. Der Leser wird in ein Archäologen-Szenario
an den Nil versetzt. Ein internationales Team erforscht geheime Gänge unter
der Sphinx und stößt auf ein Geheimnis, das dann auch ein wenig an
einen großen (miesen) deutschen SF-Film aus den USA erinnert - na ja,
so originell war die Idee von STARGATE ja im Film auch nicht, daß man
sich ihrer nicht bedienen dürfte. Der Gedanke, daß Artefakte und
Monumente alter Kulturen Wege in fremde Welten offenbaren könnten, ist
älter als Emmerich...
Unsere archäologischen Abenteurer jedenfalls begeben sich ebenfalls in
eine phantastische Welt, wenn auch nicht so ganz grundlos. Verbunden mit den
Rätseln des Altertums ist ein Mord und das Verschwinden eines der Archäologen.
Natürlich hängt alles miteinander zusammen, das dürfte nicht
überraschen.
(Für mich ganz persönlich war interessant, daß der Bösewicht
in der Geschichte ein Norweger ist - habe ich doch während einer Urlaubsfahrt
auch nicht gerade den besten Eindruck von diesem kleinen, sonderbaren Völkchen
bekommen.)
Ach, sollte jemand meinen, die Autoren hätten nur unzureichende geometrische
Kenntnisse, so täusche man sich nicht - genau diese unmöglichen 365
Grad sind sicher von Bedeutung für die Story. Sie sind der Schlüssel
für die Verbindungen unserer mit fremden Welten.
In der Phase der Enträtselung und Vorbereitung der Reise in die fremde
Welt verfolgte ich die Handlung mit großer Spannung. Auch als die Archäologen
dort ankamen, die phantastischen Umstände, Bewohner und Städte der
C'Thai entdeckten, konnte mich der Roman fesseln. Nur als dann klar wurde, welche
Rolle besagter Norweger spielt und welche Absichten er verfolgt, und wie diese
vereitelt wurden, glitt für meine Begriffe die Handlung doch ein wenig
zu sehr in die Spielregeln der pulp fiction ab. Mitunter hätten die Autoren
für meinen Geschmack auch länger bei der literarischen Ausformung
ihrer Welt verbleiben können; zu schnell geht so manches vonstatten (na,
vielleicht bin ich da auch nur durch diverse Seitenschinder "verdorben"?).
"Entschädigt" wurde ich durch die Beschreibung der fremden Lebensformen,
der alten Göttin etwa, die da in einer unbeschreiblichen Tiefe auf ihre
noch lebenden Opfer wartet.
Insgesamt bietet der Roman eine spannende und vergnügliche Reise in eine
fremde Welt - im mehrfachen Sinne des Wortes. Alle Rätsel und Geheimnisse,
die aufgeworfen werden, werden nicht gelöst - aber vielleicht ist dies
- in einer guten Tradition der weird fiction - nur gut so.
250 Seiten, Illustrationen von Jörg Kleudgen
(c) T.H. 12/97