Der Alp. Gotischer Horror.

Aus der Phantastik-Schmiede um Jörg Kleudgen und Bernd Jans liegt der hungrigen Lesergemeinde ein neues Werk vor. Wieder sind es Stories von deutsch-sprachigen Fan- und semiprofessionellen Autoren, die gnadenlos dem Gotischen Horror ergeben sind und Alträume zu beschwören verstehen. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, das eine oder andere Mal einen eisigen Schauer verspürt zu haben.
12 Stories von 12 Autoren, denen diesmal auch biographische Notizen beigefügt sind, was mir so manches Mal ein überraschtes "Aha!" entlockte. Eine kleine Überraschung gleich mal vorweg: Markus Dittrich ist z.B. mit von der Partie - mit einer Geschichte. Ihn kennen wir bereits als einen Macher von OBSCURUS LEGATUS, und zwar der gar nicht so üblen Musik zu diesem gar nicht so guten Film. Interessant ist, daß er jetzt Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam studiert. Nun, vielleicht sollte man da auf eine Fortsetzung von OBSCURUS LEGATUS gespannt sein...
Doch ich lenke ab!
Oliver Pfohlmann eröffnet (nach den einleitenden Worten Jörg Kleudgens) den schaurigen Reigen. Er ist auch kein unbeschriebenes Blatt als Schreibender: Sein Talent hat er durch einen Storywettbewerb bei Perry Rhodan entdeckt und liefert seitdem Stories für NACHTSCHATTEN und die Computerzeitschrift c't.
In seiner Short Story "Der Puppenmacher" suchen Nonnen einen solchen in einem finsteren, modrigen Stadtteil auf, um Spielzeug zu erwerben.
Die Geschichte ist eher eine Gemüts- und Ortsstudie in Schwarz, der Autor beschreibt eine beklemmende Umgebung, in der der Puppenmacher geistig degeneriert und Scheusale am laufenden Band produziert, die zu allem Überdruß auch noch mit einer Art gespenstischem Leben bestraft sind. Ein guter Eingang in diese finstere Welt DES ALP.
Ein Wort zwischendurch zu den Innenillustrationen von Bernd Jans. Er illustrierte die Stories nicht direkt; mir erscheinen sie wie Bilder zum Dahinter. Versatzstücke aus den Geschichten sind erkennbar, doch ansonsten wirken sie wie die cthulhu'schen Monstren in uns, wie teuflisches Gewürm, das sein eckliges Eigenleben hinter der Fassade des Erträglichen, unsichtbar für das "ungeübte" Auge führt.
Frank Eschenbach erzählt von der "Reinkarnation des Grauens" - im bewährten lovecraft'schen Stil.
Nach dem Horror von Dunwich kehrt nun eines der Alten Wesen zurück, um sich an dem Erben und Nachfolger seines einstigen Bezwingers zu rächen und die Herrschaft über diesen Planeten - die Erde - wiederzuerlangen. In einer fatalen Begegnung kann unser Held das grauenhafte Unwesen vernichten, aber nicht, ohne zumindest von ES berührt zu werden. Im Ergebnis dieser Berührung wächst ein Ungeheuer  in ihm heran! Ein freudianischer Alptraum? Oder bei ALIEN3 gut zugeschaut?
Boris Koch - ein junger Autor - beschreibt in seiner Geschichte den verhängnisvollen Einfluß einer alten Hexe auf die Gemüter junger Männer.
Nun, Ihr werdet es sicher bereits gemerkt haben, der gute, alte Lovecraft steht im Zentrum des Interesses der hier versammelten Autoren, ER ist ihr großes Vorbild, und das merkt man den Geschichten - sowohl inhaltlich, als auch stilistisch - an. Das finde ich ok so, schließlich hat sich so gut wie jeder Horrorautor einmal an eine Geschichte um den Cthulhu-Zyklus gewagt. Trotzdem weisen die Geschichten sehr unterschiedliche Handschriften auf, wobei die einen mehr, die anderen eigentlich überhaupt nicht mehr an Lovecraft erinnern. Unterm Strich gefallen mir noch am besten die Geschichten, in denen erst im Laufe der Handlung bekannt wird, daß es sich hier um eine Geschichte im Dunstkreis des lovecraft'schen Erbes handelt, der Stil aber der eigne bleibt, d.h., nicht in den typisch lovecraft'schen Erzählmodus verfällt.
Doch zurück zu den Stories selbst. Alexander Bach war schon bei FISCHAUGEN IM DÄMMERLICHT dabei; seine Story hatte mir damals sehr gut gefallen. In der SF&F-Szene ist er wohl eher bekannt als Autor von Hörspielen - würde mich glatt mal interessieren...
Nun, diesmal fand ich etwas schwerer Zugang zur Story "Ein letztes Mal". Ein Mann gerät auf die Spur eines Fremden in einem verlassenen Haus in der Einöde. Der Fremde wird irgendwie zum Feind, zur Bedrohung, ohne jemals wirklich aufzutauchen, was im Laufe der Geschichte recht spannend und interessant wird.
Im Zentrum des Bandes steht zweifelsohne die Story des Herausgebers  Jörg Kleudgen, die zwar am längsten ist, aber den kürzesten Titel trägt: "Staub".
David Gunn (Nomen est Omen) ist Inquisitor. So weit, so gut, doch spielt die Geschichte nicht, wie man eventuell annehmen könnte, im europäischen Mittelalter, sondern irgendwann in naher (?) Zukunft in den USA, oder was davon übrig geblieben ist. Vielleicht ist's auch eine parallele Wirklichkeit, das steht meiner Meinung nach nicht unbedingt fest; oftmals werden Versatzstücke unserer Zeit oder sogar der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwendet - z.B. die "Thin Lizzy", der erste Ford für das Volk, der heute ein absoluter Oldtimer ist, in der Geschichte aber sogar, als Autowrack im Sand steckend, wieder betriebsbereit gemacht wird. Warum nicht? In dem hervorragenden Film DELICATESSEN findet ja etwas Ähnliches statt: Die zivilisationstötende Katastrophe fand in den 50er Jahren statt, also ist diese Zeit eingefroren worden...
Ich hatte schon zuvor Geschichten um den "Inquisitor des Westens" und die mystische Stadt "Kull" (siehe meine Rezi zu DIE HÖLLE) gelesen, doch die hier vorliegende Geschichte ist - aus meiner Sicht - Jörg Kleudgens beste Story aus diesem Themenbereich! Schon allein ihretwegen lohnt die Anschaffung des Bandes.
OK, genug der Euphorie, die hier allerdings durchaus angebracht ist, denn nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch und bezüglich der Zeichnung des Hintergrunds dieser Welt ist's eine Meisterleistung!
Was ist mit dieser Welt geschehen, die doch eigentlich die unsrige sein soll?  Ich glaube, der Autor macht so etwas Ähnliches wie "unsere" Autorengilde (Wilko, Renald & Co.) bei ihrer Kreation des "Zeitläufer"-Universums. Er stellt die Erde unter ein Licht, welches mitunter schwarz und unheimlich - aber real - seine Strahlen aussendet, so daß wir vieles wiedererkennen, aber noch mehr ins Phantastische verzerrt sehen. Hier ist es also ähnlich, die Welt ist verloren in einer Dauerrezession, die Klimakatastrophe scheint irreparabel geworden zu sein, es ist heiß, Wasser wird knapp, weite Landstriche sind Wüsten, einige Landesteile sind atomar verseucht.
Der Existenzkampf bricht auch in den ehemals zivilisierten Ländern unmittelbar hervor, wird zum nackten Kampf ums Überleben. Kultur und Wissenschaft verfallen, nur die Kirche feiert Triumphe; das geozentrische Weltbild setzt sich wieder durch...
Der Protagonist ist nun ein Diener dieser Kirche, obwohl er von diesem Unsinn nicht viel hält - aber man kann da viel Geld verdienen, außerdem ist ihm mehr Wissen zugänglich als der Mehrheit der Menschen. An das bevorstehende Ende der Welt glaubt er aber schon, was auch kein Wunder ist...
Der Autor versteht es hervorragend, die allgegenwärtige Kargheit, den alles einhüllenden Staub, die Befremdlichkeit der von atomarer Verseuchung entstellten Fauna und Flora darzustellen, ja regelrecht dem Leser näher zu bringen - unangenehm näher...
Der Staub ist das alles beherrschende Naturelement, welches die globale Katastrophe hinterlassen hat, wird aber an einer Stelle der Geschichte dem Protagonisten zur heilenden Rettung.
Gunn jagt zunächst den Mörder eines Bischofs. Als er ihn stellt, bringt er einen Schlüssel an sich, der zu einem Raum in der mystischen Stadt Thet passen soll, von der aber niemand so recht weiß, wo sie sich befindet. Er macht sich auf die Suche.
Auf seinem Weg lernt er einen dicklichen Abenteurer kennen - John Crowley. Sie werden Kumpane, Weggefährten, bis sie den Wächtern der Stadt Thet begegnen, was für Crowley den Tod bedeutet. Gunn kann weiter, kommt in diese Stadt, in der eigentlich nur noch ein Gebäude steht - die Bibliothek.
Bei der Auseinandersetzung mit dem besagten Wächter bekam Gunn auch etwas ab, in Folge dessen sich seine Hand langsam verformt.
Der Wächter ist übrigens ein Schoggotte - was kein Schokoladenwürfel sein soll sondern ein erster Hinweis auf die Einordnung der Story in den Cthulhu-Zyklus. Der erste Hinweis, wie gesagt, der Autor hat seinen eigenen Stil, was ich sehr erfrischend empfinde; es kann eben nur einen geben! Stil und Diktion erinnerten mich eher an Jack Vance Endzeitgeschichten.
In der Bibliothek findet Gunn die für Lovecrafts Erzählungen wichtigen Geheimbücher. Gunn muß aber nun schnell ein Buch finden, in dem seine seltsame Handverletzung beschrieben und eine Heilung empfohlen wird. Er findet beides.
Für den Leser stellt sich nun aber die Frage, ob das schon alles gewesen sein soll: Ist Gunn nur nach Thet gekommen, um dort eine Verletzung zu kurieren, die er sich auf dem Weg dorthin zugezogen hatte? Zum Glück stellt sich dieselbe Frage auch Gunn selbst.
Die Antwort auf diese Frage gestaltet sich dann allerdings so, daß sie mich doch sehr an BERGE DES WAHNSINNS vom Meister erinnerte. Zum Ende hin hätte sich der Autor vielleicht ein wenig mehr einfallen lassen können - allerdings, das muß ich ihm zu Gute halten (steht mir das zu?), ist dieses Ende im Sinne Lovecrafts, der seine Stories auch mehr oder weniger offen lies.
Gunn weckt fast eine gespenstische  Armee in den Katakomben der Stadt Thet - verformte Menschen, die dazu geschaffen wurden, die Erde zu unterwerfen. Gunn flieht - und weiß, daß der Untergang der Erde bevorsteht, aber das wußte er ja schon vorher.
Daniel Gejc versuchte sich mit "Der Foliant" ebenfalls am Cthulhu-Zyklus. In seiner Short Story bekommen zwei Freunde, einer ein Archäologe, der andere Bibliothekar, einen Folianten in die Hände, dessen Lektüre grauenerregend ist - und gefährlich, geradezu tödlich für Leute, die nicht eingeweiht sind. Die beiden waren nicht eingeweiht...
Die Story liest sich recht gut, ich hätte mir nur gewünscht, daß der Autor sein Faible für das Altertümliche (er studiert Archäologie) mehr einfließen ließe.
Michael Siefner ist offensichtlich ein Profi. Der ehemalige Jurist lebt als freischaffender Schriftsteller (Jahrgang 1961), veröffentlichte schon mehrere Bücher und lieferte Beiträge zu verschiedenen Magazinen und Anthologien und arbeitet als Übersetzer. - Diese Infos las ich erst nach der Lektüre seines Beitrages: "Die schwarzen Schwingen der Erkenntnis".
Der Titel läßt eine poetische Story vermuten, insofern war ich eingangs etwas enttäuscht, geht's doch eher bieder los.
Im lovecraft'schen Stil liest der Protagonist in einem alten Schmöcker von einer interessanten Landschaft, die er prompt besuchen muß, um dort mit unheimlichen Gefühlen konfrontiert zu werden.
Im nahen Städtchen gibt es ein Antiquariat, das so labyrinthisch angelegt ist, daß er sich fast verläuft. Auf seiner Suche nach dem Ausgang sieht er Bilder von der Landschaft, die er gerade besucht hatte, Die unheimlichen Gefühle verdichten sich.
Dann gab es den Knackpunkt - die Beschreibung der labyrinthischen Suche  (ja, wonach eigentlich...?) ist von außerordentlicher Dichte - hier war ich sofort gefesselt.
Die Story endet schwarz, wie der Titel vermuten läßt. Einzelheiten sind, glaube ich, nebensächlich.
Christoph Bendens "Phantasie über Motiv" ist wohl der kürzeste Beitrag des Bandes  - und seine erste Buchveröffentlichung. Schon der Titel deutet auf einen recht eigenwilligen Stil hin, der sich - vor allem in den Dialogen - im Text fortsetzt. Das Ganze ist vielleicht eine postmodern-surrealistische Variante des Märchens vom Flaschengeist... So, nun macht Euch mal'n Kopp, wat dat sein soll!
Nun gut, zugegeben, ich hab's nicht ganz verstanden, aber interessant war es allemal- bei eineinhalb Seiten bereitet der Text sogar Spaß!
"Lucrezias Mutter" ist ein Produkt des OBSCURUS LEGATUS-Musiker  Markus Dittrich. Oh, was wird das wohl werden? dachte ich mir so. Nun ja, ein bißchen schräg ist die Angelegenheit schon, ein wenig obskur - aber perfekt! Ein Leckerbissen für den Horrorfan!
In ein Kinderheim kommt eine Neue - mit außergewöhnlichem Namen (Lucrezia del Sol) und noch außergewöhnlicherem Gehabe.
Sie weiht den eigentlichen Protagonisten, den Erzähler, in die Geheimnisse der Frage "Wo kommen die Kinder her?" ein. Natürlich denkt Ihr jetzt alle etwas Schlüpfriges! Glitschig ist's auch, aber eher insektoid... Der Storch bringt also nicht die Kinder!
Alexander Lohmann zeigt uns die Geheimnisse der Natur. "Der See" ist eigentlich eine Idylle, die aber in bestimmten Zeiten zum Monstrum wird, was natürlich keiner so recht glauben will. Doch habe ich das nicht schon mal bei einem gewissen Herrn King gelesen? Handwerklich ist die Geschichte jedenfalls einwandfrei; schade nur, daß es keine so richtige Auflösung gibt.
Frank Festa warnt uns vor den Folgen übertriebener Fanaktivitäten. "Bilder im Spiegel" erzählt von einem Mann, der über seinem Hobby, dem Sammeln von Bilder (insbesondere phantastischer, gruseliger Motive) alles andere vergißt - seine Frau, seinen Beruf (er kann vom Handel mit den Bildern gut leben), eben alles. Das endet nicht gut...
Die Geschichte hat mit sehr gut gefallen, schon mal, weil sie so völlig ausweglos ist und der Autor das Gefühl des Verlorenseins bei der Ehefrau vermittelt.
Den Rausschmeißer liefert Stephan Peters, zu dessen Person im Anhang keine Angaben zu finden sind. Seine "Affenliebe" ist eine knallige Pointenstory um eine tierische Zuneigung einer "alten Jungfer".
Insgesamt war der Band für mich ein echtes Leseerlebnis; ich wünsche mir mehr  Sachen von diesem Kaliber! Einziges Handikap dabei war die sehr kleine Schrift, die aus Platz- der Papiergründen gewählt wurde und so den gesamten Band auf knapp 100 Seiten beschränkte, was ja verständlich ist, handelt es sich doch um eine Fanproduktion. Trotzdem, absolute Empfehlung!

Goblin Press 1993, herausgegeben von Jörg Kleudgen, Illustrationen von Bernd Jans, 98 Seiten
(c) T.H., 1994