ARKHAM
und andere Orte
Eine Goblin Press Anthologie (1998)
Nichts ist für die Ewigkeit, so muß es uns Sterblichen zumindest
erscheinen. Nur schade, daß einige liebgewordene Dinge viel zu schnell
von der Bildfläche des Seins verschwinden. So sollte das selige Magazin
The Gothic Grimoire, das sich bekanntermaßen auch um die Phanta-stik deutscher
Zunge (Stories, Rezensionen, Interviews, Artikel) verdient machte, in nun schon
naher Vergangenheit zwei Ausgaben erlebt haben, die gerade für Phantastik-Liebhaber
von Interesse wären, zum einen ein Schwerpunktheft “Vampire”, und eines
zum Urvater dunkler Phantastik, zu Lovecraft.
Interessanterweise kann man aus dem ersten der beiden geplanten und wohl schon
ziemlich weit gediehenen Hefte etwas im Internet finden; aber das nur am Rande.
Doch nicht alles ist im Staub der Zeit verschwunden. Quasi als Ausweichlösung
fand der Redakteur besagten Magazins Platz für die literarischen Teile
des Lovecraft-Heftes in seiner Goblin Press. Der Band obigen Titels vereint
Stories und Sekundärtexte zum Phänomen “Lovecraft”, die in dem Magazin
erscheinen sollten und noch zusätzlich ein paar Stories, die zur Vervollständigung
des nun vorliegenden Bandes geschrieben wurden.
Das Büchlein erschien wiederum in der für die letzten Editionen des
Kleinverlages typischen Aufmachung, also als Taschenbuch, mit Kartoneinband
und viervarbigem Schutzumschlag; dazu ein paar Graphiken, diesmal aber nicht
von Jörg selbst, sondern von einem sehr begna-deten Menschen, der sich
in einem Bilderzyklus eines anderen Werks aus der Goblin Press Werk-reihe annahm.
Doch schauen wir einmal genauer hinein. Den Anschub erledigt Arnold Reisner.
Er wagt sich sehr weit hinein in die Materie und widmet sich einem ziemlich
umstrittenen Thema: Hat Lovecraft, oder hat er nicht!
Nein, nein, nicht was ihr jetzt denkt... Es geht darum, ob er in seinen Erzählungen
magisches Wissen, Kenntnis vom wahren Wesen der Großen Alten (oder wessen
auch immer) verarbei-tete, oder ob er alles erfunden hat. Richtig muß
ich schreiben, daß es Arnold darum ging, ob Lovecraft über besagtes
magisches Wissen verfügte; denn die andere, wesentlich umstrittenere Frage,
ob Lovecraft nun Belletristik oder vielleicht doch als Belletristik getarnte
Essays schrieb, ist nicht sein Thema.
Nun, Arnold ist schon der Meinung, daß L. nicht aus der hohlen Hand schrieb,
sondern seine entsprechenden Bezüge durchaus magisches Hintergrundwissen
erforderten. Der Artikel ist recht kurz; am Ende hatte ich den Eindruck, daß
Arnold gerne tiefer eingestiegen wäre, und daß er gern zugegeben
hätte, daß L. viel ambitionierter war, als er selbst zugab. Es wird
ange-kratzt, neugierig gemacht; doch wie geht’s nun weiter, Arnold?
Jörg Kleudgens Beitrag ist eine gediegene Weird Fiction Story, wie wir
sie von ihm ge-wohnt sind. Er - wie viele andere des Bandes auch - verarbeitet
direkt eine Tagebuchnotiz von L. Hier geht’s um ein geheimnisvolles Haus in
einem verruchten Stadtteil. Der Autor mausert sich regelrecht zu einem Meister
des städtischen Horrors, des Grauens, das aus dem Verfall urbaner Kultur
und deren Bewohner resultiert.
In dem fiktiven Haus - in Arkham - ist ein Verlag untergebracht; dies weist
sogleich auf ein weiteres klassisches Dark Fantasy Motiv hin: Geheimnisvolle
und verbotene Bücher. Hier er-schien es mir, daß Jörg direkt
eigene Erfahrungen mit dem Studium sog. geheimer Bücher einarbeitete, auch
durchaus Skepsis gegenüber deren vermeintlich wahren magischen Charak-ter
zum Ausdruck bringt.
Die Geschichte endet tragisch und bleibt mysteriös; die gerade erwähnte
Skepsis gegenüber dem übersinnlich Geheimnisvollen fruchtete hier
wohl nicht... Der Autor erfreut den Leser mit einer bewußt altertümlichen
Sprache; angemessen für den Stoff.
Auch Michael Knoke dürfte nun kein Unbekannter mehr sein; von ihm liegt
ja auch schon was in der GP vor. In seiner Erzählung fasziniert zunächst
die Art und Weise des Erzählens, denn der Täter erzählt seinem
Opfer von der Tat (wir als Leser “dürfen” es auch erfahren...).
Obwohl die Story auch auf einer Lovecraft-Notiz beruht, ist sie eher eine Frankenstein-Adaption;
es geht um ein entsprechendes Experiment und die Tragik der Folgen. Michael
mischt tibetanische Magie mit dem Fluidum des Lovecraft’schen Arkham. Das Ziel
des Expe-riments wurde mir allerdings nicht klar; es geht um die Zunge der neu
Erweckten, warum?
Ha, eine Michael Siefener-Story! Und dazu eine, die ich schon kannte! Ja, gehört
hatte ich sie, damals in Hoywoy, zum Con, 1997. Er hatte sie mit viel Ausdruck
gelesen (fast gespielt). Hier besucht ein deutscher L.-Fan Innsmouth und erlebt
sein echtes cthulhuides Lovecraft-Abenteuer; wie’s scheint, überlebt er’s
nur nicht... Die Story ist Spitze, auch wenn sie viel-leicht nicht viel Neues
bietet. Doch die Szenerie des erschrockenen Touristen in der Gaststät-te,
der einem (zufälligen?) Tischnachbarn von seinen schaurigen Erlebnissen
berichtet, ist ein-fach großartig.
Jakob Belltahl ist mir bis dato kein Begriff gewesen. Sein Beitrag hat
mir auch nicht son-derlich gefallen. Die Story ist zu kurz, um als solche durchzugehen.
Urlauber an der Küste Neuenglands bläst in ein Muschelhorn; irgend
ETWAS antwortet ihm vom Meere her. - Nein, mehr nicht...
Von “GP-Autor” Tobias Bachmann (auch von ihm liegt ein eigenes Buch in der GP
vor; wurde aber in SX noch nicht besprochen...) stammt eine frühe Erzählung.
Jörg nimmt sie in seinem Vorwort etwas in Schutz, denn man merkt ihr ihre
Unreife an; was ja durchaus seinen Reiz haben kann - hat sie auch! Sie ist eine
ordentliche Jetzt-geht-das-Abenteuer-los-Story. Warum auch nicht? Allerdings
habe ich mich zunächst etwas über die seltsamen Vorstellungen des
Autors über den Berufsstand des Archäologen amüsiert. Nun ja,
ich kenne selbst einen freiberuflichen Archäologen, der ist allerdings
nicht bei einer archäologischen Firma angestellt. Mir scheint, Tobias schwebte
ein Indiana Jones vor, ein Privatgelehrter, doch von denen dürfte es heute
kaum noch welche geben, und wenn, dann sind sie eher Medienstars statt kleine
An-gestellte.
Aber ich will mal nicht klugscheißen, vielleicht irre ich mich ja auch...
und es gibt sie doch...
Es geht jedenfalls um uralte Artefakte, deren dunklen Geheimnisse und damit
verbundene Prophezeiungen.
Es folgt der Beitrag des Graphikers Lars A. Herrmann, der sich auf seine Weise
den “Ufern des Wahnsinns” von Jans/Kleudgen widmete. Seine Zeichnungen erinnerten
mich so-gleich an den Stil eines meiner großen Vorbilder - Heinz Zander.
Und tatsächlich! Er nennt ihn selbst als eine seiner Quellen, neben Fuchs
und Giger! Hey, da kennt jemand Zander - der es gerade auch in der SF-Szene
verdient hat, gekannt zu werden!!!
Michael Dettenberger, dessen GAFF-Schriften ich zum Teil kenne und verschlungen
habe und dessen Artikel ich in diversen einschlägigen Musikmagazinen sehr
schätze, versucht sich mit einer Erklärung des Wesens der Großen
Alten. Er zieht apokryphe Schriften der alttesta-mentarischen Mythologie heran
und sucht Vergleiche zu den Nephilim... Holla, da wurde ich bald aufmerksam
- oh ja, es stimmt, sein Beitrag ist eine überarbeitete Version eines seiner
GAFF-Hefte - zum Thema Nephilim-Legende... (Dort mehr vor dem Hintergrund der
Inter-pretation durch Fields Of The Nephilm) Insgesamt sehr interessant, wenn
auch sicher ein rotes Tuch für die Wissenschaftler unter den Lovecraft-Jüngern.
“Medusenhaupt” Boris Koch fabrizierte eine ganz wunderbare Psychostudie über
den jun-gen Lovecraft. Diese bezaubernde Geschichte kommt fast gänzlich
ohne Phantastik aus, na ja, nicht ganz... Er beschreibt eindringlich die Befindlichkeit
des introvertierten und überreifen Jungen, der eines Tages seinem Vater
begegnet. Wenn dieser zuvor eine mythische Dimension besaß, ist er seitdem
ein Gott für den Jungen, ein unerreichbarer Gott.
Der Musiker und Schriftsteller Christian Dörge ist ja bekannt für
seine eher komplexen Texte, doch für diese Anthologie schrieb er eine geradlinige
Liebes-Metapher. Sicher, es bleibt vieles unbestimmt, aber er verliert sich
nicht etwa in Abstraktionen, sondern bleibt immer fest an den Personen. Es geht
um die Erfüllung eines Schicksals, wobei er nicht weit ausholt, son-dern
in kleinem personellen und zeitlich-räumlichen Rahmen verbleibt. Unklar
blieb mir nur der Bezug zu Lovecraft.
Den Abschluß bildet Uwe Vöhl, der handfesten Gruselstoff bietet,
klassisch erzählt. Ein Tourist fährt mit einem seltsamen Bus durch
das Fischland (Ostsee). Ich vermute, der Autor arbeitete ein wenig seine eigenen
Erfahrungen mit dem Osten ein; ist völlig legitim, so be-kommt die Story
zusätzlichen Drive.
Hier noch mal die Titel; damit man weiß, worauf man sich einläßt:
Arnold Reisner, H.P.Lovecraft: Meister des Horrors; Jörg Kleudgen, Nacht
über Arkham; Michael Knoke, Du; Michael Siefener, Innsmouth’ Schatten;
Jakob Bellthal, Treibgut; Tobias Bachmann, Das Medaillon aus der Zeit; Lars
A. Herrmann, Begonnene Fragmente; Michael Dettenberger, Die geheime Identität
der Großen Alten; Boris Koch, Howard; Chritian Dörge, Der zerrissene
Fisch; Uwe Vöhl, Fischland
160 Seiten,
(C) T.H., 10/98