
Uwe Voehl, Michael Knoke & Jörg
Bartscher-Kleudgen: Cassinis Gesänge.
Drei Sätze einer kosmischen Sinfonie
(Goblin Press, 2003)
Die Tendenz geht immer mehr zum Gesamtkunstwerk bei der
Goblin Press (so wie auch bei The House Of Usher, deren Kopf Jörg B.-Kleudgen
nach wie vor ist), auch wenn - hier - der Text im Vordergund steht. Zum Buch
gibt es aber eine Ton-Aufnahme in Form einer CD. Die ist nicht nur Beiwerk sondern
wird im Buch erwähnt. Schwer zu sagen, was man zuerst genießen soll.
Ich habe als erstes die CD gehört: Über eine halbe Stunde, ohne Einteilung,
als ein Track. Darauf befindet sich der Mitschnitt einer fiktiven Radiosendung.
Diese Radiosendung wird des öfteren im Buch erwähnt, und auch, dass
damit einiges nicht stimmte, dass sie von kaum jemanden gehört werden konnte
als sie ausgestrahlt wurde, weil unerklärliche Störungen auftraten.
Dass es diese Aufnahme gibt, ist eher ein Wunder.
Die Sendung ist das einzige Interview, das je mit den beiden männlichen
Mitgliedern der Avantgarde-Musik-Formation SOLANACEA, Udo Lloyd (gesprochen
von Uwe Voehl) und Peter LaVita (Jörg B.-Kleudgen) geführt wurde.
Interview ist übertrieben, sie machen eigentlich nur Andeutungen, dass
da mehr hinter der Musik steckt, als eben nur die Musik. Die Beispiele ihrer
nie veröffentlichten zweiten Scheibe verdeutlichen, dass das so sein muss,
denn im Grunde haben wir es mit Lautmalerei, einer Mischung aus Old-School-Berliner-Schule
und modernem Industrial zu tun. Im richtigen Leben verdanken wir diese Töne
Michael Knoke, der sie in Zusammenarbeit mit Jörg B.-Kleudgen fabrizierte
(und die inzwischen viel harmonischer, musikalischer geworden ist als die von
Knokes ehemaligem Industrial-Projekt Yaggdrasil).
In dieser fiktiven Radiosendung (den Radio-Fritzen spricht übrigens Boris
Koch) wird der Vergleich zu Pink Floyd gezogen, insbesondere zu deren Frühwerken.
Nun ja, "Ummagumma" klang irgendwie doch anders, und dann erschien
es mir seltsam, dass die "unvergleichliche" Musik von SOLANACEA diesen
Vergleich benötigt.
Tja, was steckt denn nun hinter diesen befremdlichen Klängen? Das Geheimnis
wird in dem Interview nicht preisgegeben. Das heizt ein! Jetzt muss das Buch
her!
Jeder Autor hat eine eigenständige Erzählung geschrieben, die natürlich
Mosaiksteine eines übergeordneten Plots darstellen. Jeder widmet sich einer
- "seiner" - Person. Den ersten Takt stimmt Michael Knoke an. Sein
Protagonist verirrt sich in einer stürmischen Winternacht in einer seltsamen
Kneipe in der Nähe eines Friedhofes, wo das dritte Bandmitglied von SOLANACEA
begraben ist: Eine Frau, Ellen. Ihr Tod umweht ein dunkles Geheimnis - wie es
sich gehört für eine Goblin-Press-Geschichte!
In der Gaststube begegnet der Erzähler einer Dame, die Ellen sehr ähnelt,
zumindest erscheint es ihm so: Astrid. Auch sie verschwindet dann in einem fast
psychedelisch anmutenden Alptraumszenarium. Am Ende: Noch mehr Rätsel.
Uwe Voehl beginnt zwei Jahre vor diesen Ereignissen: Er lässt einen Fan
von SOLANACEA in ein italienisches Dorf fahren, wo sich Udo Lloyd nieder gelassen
hat. Das Dorf ist keineswegs fiktiv, es heißt Perinaldo und ist der Geburtsort
des Astronomen Cassini.
Dieser entdeckte im 17. Jahrhundert 4 Saturnmonde und die Teilung des Saturnringes.
Nach dem Willen der drei Autoren entdeckte er aber noch mehr, nämlich die
Ursache für diese Saturnringteilung. Nur blieb dies ein Geheimnis, das
den Musikern von SOLANACEA durch ihre Klangschöpfung offenbart wurde. Warum?
Nun, vielleicht genauso, wie griechische Philosophen und Mystiker in der Musik
den Schlüssel zu allen Geheimnissen des Universums sahen und suchten. Und
dann gab es da noch dieses seltsame Musikinstrument, das die schon erwähnte
Ellen in einem Antiquitätengeschäft kaufte, das es aber am nächsten
Tag dort gar nicht mehr gab. Wie im Verlauf der Erzählung deutlich wird,
bezahlte sie diesen Kauf offensichtlich sehr viel teurer, als sie je vermuten
konnte. Die Geheimnisse haben ihren Preis.
Wegen der Rätsel um Saturn und ihrer fiktiven Entdeckung durch Cassini
nannten SOLANACEA ihre Platte auch "Cassini I"; "Cassini II"
gab’s wie geschrieben auch, wurde aber nie veröffentlicht.
Jörg B.-Kleudgens Erzähler ist Pfleger in einem Krankenhaus. Dort
wird ein verwirrter, schweigsamer Mann eingeliefert, der sich als Peter LaVita
entpuppt. Und er entpuppt sich natürlich als weit weniger "verwirrt"
und viel gesprächiger als es zunächst den Anschein hat. Und das ist
gut so, denn nun werden tatsächlich einige Facetten zum Gesamtbild zusammengefügt,
Rätsel gelüftet. Das Grauen bekommt Konturen. Denn grauenhaft muss
es uns Menschen erscheinen, was da draußen lauert.
Beim Lesen des Kleudgen’schen Parts fiel mir auf, dass sich dieser Autor sehr
verändert hat. Sein Stil ist greifbarer, spannender, abwechslungsreicher
und moderner geworden; auch wenn er nach wie vor Weird Fiction schreibt, so
konnte er sich nun völlig von den großen Vorbildern und deren gewollt
antiquierten Schreibstil lösen.
Am meisten den "Alten" verpflichtet erscheint mir Michael Knoke; Uwe
Voehl dagegen ist sicher der "modernste" unter den Dreien. Auf alle
Fälle hat jeder seinen eigenen Stil, was trotz des gemeinsamen Plots zu
unverwechselbaren Stücken führt.
Der vierte Mann im Bunde ist der Illustrator Michael Mittelbach, dessen sehr
künstlerischen Stil man bereits des öfteren auch in der Fan-Szene
bewundern konnte. Seine Zeichnungen sind den rätselhaften Ereignissen,
die hier beschrieben werden, sehr gut angepasst; mitunter erscheinen sie mir
zu abstrakt und wenig inspirativ, aber einige Grafiken, insbesondere die portraithaften,
sind große Klasse!
Das Buch ist insgesamt eine Wucht! Ein Kleinod in der gegenwärtigen Phantastik-Szene,
sehr liebevoll erstellt, zusammengefügt; Inhalt und Form bilden ein hervorragendes
Ganzes; keine derzeit oft in der SF&F vorzufindene übertriebene Buntheit,
deren Billigkeit beim zweiten Hinsehen peinlich auffällt, sondern ein Werk,
das man immer wieder gerne in die Hände nimmt, darin liest, es durchblättert,
auf den elektron. Plattenteller legt...