Jörg
Kleudgen: Cosmogenesis
Erzählungen, Goblin Press, 1999
Lange habe ich auf diesen Band gewartet, der parallel zur Veröffentlichung
des neuen Dop-pelalbums der Gothic-Rock-Band The House Of Usher erscheinen sollte.
Nun, das Album ist wohl noch nicht im Handel (Stand Ende Mai ?99), aber das
Buch konnte ich inzwischen ge-nießen. Und ich habe es genossen!
Unterm Strich fällt auf, daß die darin versammelten Erzählungen
recht unterschiedlich sind, auch wenn sie vom selben Autor stammen. Einige Stories
sind in dem von Jörg gewohnten, klassisch-?gotischen? Stil gehalten, der
sehr viel und üppig mit Adjektiven und Adverben arbeitet; andere dagegen
wirken ?schlanker?, dadurch vielleicht gar spritziger, unmittelbarer.
Im Zentrum der meisten Erzählungen steht die unheimliche, phantastische
Stadt Cathay, ei-ne vor allem von Deutschen besiedelte Kolonie auf dem indischen
Subkontinent, gezeichnet durch dunkle Geheimnisse und Gassen, gotische Gebäude,
die langsam aber sicher wieder vom Dschungel überdeckt werden. Neben den
Nachkommen der europäischen Siedler und Kolonialisten leben dort auch die
Nachfahren der Eingeborenen, einer halbmenschlichen Ras-se, deren Physiognomie
wohl nicht sehr vertrauenerweckend ist, die aber nicht unbedingt als die Inkarnation
des Bösen herhalten müssen, wie man meinen könnte, eher als Opfer
dessel-ben, das durch die Gassen schleicht, gelten.
Man konnte sich bereits mit dieser Horrorwelt in der Erzählung ?Der den
Sturm sät? zur Single-Veröffentlichung von THOU (?To Sow A Storm?)
bekannt machen. Auch in den fol-genden Plattenveröffentlichungen wird es
weiteren literarischen Stoff diesbezüglich geben.
Zum anderen findet man aber auch einige Erzählungen, die nicht im unheimlichen
Cathay angesiedelt sind und die einen sehr persönlichen Charakter besitzen,
mitunter autobiographi-sche Züge aufweisen. Doch der Reihe nach:
In Transmutation heißt der Ich-Erzähler Hanns, ja, mit zwei ?n?,
also so wie Hanns Heinz Ewers. Eingeleitet wird die Story mit einem Zitat aus
dem ?Evangelium des XX. Jhdt.? von einem Richard Ernst.
Der Protagonist ist ein Flüchtling aus einem menschenverachtenden Regime,
mit dem er zwar liebäugelte, das er aber nun verlassen mußte, da
er zu hoch gepokert hatte und alles am Vorabend eines ?gewaltigen Weltenbrandes?
verloren hatte.
Er folgt seinem ?Meister?, einem Alchemisten, und sie landen in dem gottverlassenen
Cathay. Dort kann der Meister seine Experimente fortsetzen, wohingegen sich
der Erzähler der Geschichte dieses Ortes widmet.
Der Autor hat sich viel Mühe gegeben, dem fiktiven Ort einen stimmigen
Hintergrund zu geben; es macht großen Spaß, die Recherchen des Erzählers
zu verfolgen und etwas über die-sen Un-Ort zu erfahren. Natürlich
kommt er einem Geheimnis auf die Spur, das dann auch den alchemistischen Experimenten
seines Meisters zugute kommt.
Die Geschichte ist ein gekonnter, spannender, rasant erzählter Auftakt;
Diktion und Stil sind gewohnt antiquiert und erinnern hier speziell an Stevenson
(was Stil und Plot anbelangt).
In Des Sammlers letzte Tage geht es um eine Sammlung anatomischer Absonderlichkeiten;
der Sammler selbst landet dann im Fensters eines Präparators. Kein überragender
Text.
Auch Graceland konnte mich nicht so recht überzeugen. Hier fällt die
sehr artifizielle Spra-che auf, die fast schon überzogen ausformuliert
und dadurch überdreht wirkt und ein wenig Natürlichkeit vermissen
läßt. Dafür wird eine wundervolle Spätherbstatmosphäre
beschworen, wo diese Kunstsprache allerdings sehr gut paßt!
Ein Urlauber begegnet in einer archaischen Landschaft seinen Kindheitsträumen
von ur-tümlichen Feierlichkeiten eines gespenstischen Nachtvolkes. Natürlich
befinden wir uns wie-der in der Nähe von Cathay.
Irgendwie wirkt die Erzählung unfertig; ein paar Dinge werden angeschnitten,
bleiben dann aber ohne Bezug zur Handlung.
Die Hölle ist eine geradlinig erzählte Abenteuerstory ohne großen
Tiefgang. Der Protago-nist sucht ohne erfindlichen Grund dem Geheimnis eines
Klosters in Cathay auf die Spur zu kommen, das nun als Psychiatrie genutzt wird.
Er dringt ein, belauscht eine Versammlung der Ärzte, die sich natürlich
gerade zu diesem Zeitpunkt über ihre Verbrechen unterhalten, die sie in
diesen Mauern begehen, und befreit eine Gefangene, die sich aber dann doch als
überaus verrückt und gefährlich entpuppt. Alles geht in Flammen
auf...
Die Geschichte wirkt irgendwie überkonstruiert und unmotiviert, aber man
fiebert mit der Handlung, wenn man sich auf sie einläßt.
Es folgt wieder ein zu kurzer Text, Im Reptilienhaus, der auch eher eine horrible
Skizze darstellt, anstatt eine ?richtige? Erzählung, die mit der Angst
vor Kriechtieren spielt.
Kosmogenesis reißt dafür alles wieder ?raus! Wie schon Boris Koch
in seiner Erzählung ?Der Mann mit den toten Augen?, die ja auf einem Lied
von THOU basiert, also auch auf ei-ner Idee von Jörg, werden hier Mythen
der näheren Vergangenheit bemüht, um ein tolles abenteuerliches Garn
zu spinnen. Der Speer des Longinus, der Schicksalsspeer, der durch die abendländische
Geschichte geistert, gerät durch schlüssig erzählte und spannende
Begeben-heiten in die Hände des Protagonisten. Es scheint, er wäre
ein Auserwählter, dem ein anderes Schicksal beschert ist, als er bisher
meinte. Die abenteuerliche Reise führt durch die Dschun-gel von Cathay,
man kommt auf die Spuren einer uralten gottgleichen Rasse, deren Erbe sich aber
als betrügerischer Zwerg entpuppt (ein altbewährter Topos; siehe Wolkow
und Frank L. Baum; auch: ?Zardos?). Das mystisch-geheimnisvolle löst sich
in Nichts und Melancholie auf. Am Ende bleibt das Bekenntnis des Romantikers,
der weiter auf der Suche ist.
Ach ja, eine Nebenfigur ist übrigens Richard Ernst. Er tritt dann noch
einmal in der kurzen Erzählung Equinox auf, die aber mit drei Seiten wirklich
zu kurz ist, um eine Story zu sein, auch wirkt sie extrem metaphorisch; einzig
konkret werden hier die Ureinwohner Cathays ins dunkle Licht gerückt. Zum
Schluß sieht besagter R. E. einen alten Mann schreibend vor ei-nem Hotel
sitzen und verspürt unerklärlichen Haß auf diesen. Warum?
Das Blattwerk ist eine klassische Geisterstory, allerdings weniger gruselig,
als vielmehr ?versöhnlich?; erinnert in der Intention an ?Poltergeist?.
Im Haus seiner verstorbenen Tante kehrt erst wieder Frieden ein, als der Erbe
die Geister der Toten in den Keller gehen läßt, wo in Einweckgläsern
deren ?Innerstes? lagert; und die Bücher, in denen steht, wie man den To-ten
dieses nimmt.
Der Krückenmann ist eine wenig Trost spendende, fast prosalyrische Skizze
über ein ver-dorbenes Leben am Abgrund. Der Stil dieser Erzählung
ist fast nüchtern, trotz der quasi-lyrischen Dichte.
Der Titel der Story Der Zauber des Ortes könnte über der ganzen Sammlung
stehen, denn es sind vor allem Orte (insbesondere Cathay), die als Synonyme
für Stimmungen und nahezu existentielle Situationen stehen.
Die Geschichte spielt zwar in deutschen Landen, aber eine Kiste aus Cathay steht
in ihrem Mittelpunkt. Diese befindet sich in einer Kapelle, die an einem Ort
errichtet wurde, die zuvor heidnischen Kulthandlungen diente. Der titelgebende
Zauber entpuppt sich als eher unheilig...
Interessant, daß der Autor diesmal wohl eigene Erfahrungen mit Menschen
eines deutschen Landstriches verarbeitete, denn was er hier schildert, könnte
gut und gerne stimmen; auch wenn die hier angebotene Erklärung für
das Verhalten vor allem der weiblichen Mitglieder dieses Menschenschlages etwas
weit hergeholt klingt.
Der die Tränen von den Augen der Liebenden stiehlt und Runkel sind Erzählungen,
die augenscheinlich in einer neuen Lebensphase des Autors entstanden. Der Stil
änderte sich deutlich, entfernt sich von der adjektivischen Schreibweise,
wie man sie in der Weird Fiction häufig antrifft.
?Runkel? ist zudem von Meyrink beeinflußt, Jörg greift direkt ein
Motiv aus einer Mey-rink?schen Geschichte auf. Beide Stories leben weniger von
den in ihnen geschilderten Handlungsabläufen, als vielmehr von ihrer Stimmung,
die zwischen morbiden Träumen und den Gefühlen einer jungen Liebe
pendeln.
Zum Schluß findet der geneigte Leser noch ein paar Fragmente. (Wäre
interessant, ob es einen direkten Bezug zu den Musikstücken auf der eingangs
erwähnten Single gleichen Titels gibt...).
Die Texte sind allesamt in Cathay angesiedelt und mitunter wirklich nur fragmentarische
Streiflichter auf diese morbide, trostlose, groteske Welt am Rande des Dschungels.
Zum einen wird der Leser mit einer ziemlich asozialen Familie konfrontiert,
aus der auszu-brechen es dem Protagonisten gelingt. Dann spielt jemand mit einem
Radio herum und be-kommt Nachrichten über einen ultimaten Krieg herein.
Ein Fragment befaßt sich mit einer Rockband, die in Cathay auftritt, und
deren Publikum scheinbar einem ?obskuren Endzeitkult mit strengem Bekleidungskodex?
angehört; ihre Lie-der handeln von endlosen Reisen zu verbotenen Stätten
und von nicht existierenden Göttern. Na, wer ist da wohl gemeint? - Habe
dann auch gleich mal die schon erwähnte Single aufge-legt, denn gemäß
dieser Story verbreitet sie ein unheimliches Raunen, wenn man die Nadel falsch
aufsetzt...
Im letzten Fragment wird Cathay als Trümmerfeld, das vom Dschungel zurückerobert
wur-de, gezeigt, in dessen Trümmern nur noch Schafe und ihre Hirten Schutz
vor gefräßigen Kru-stentieren suchen. Dieser Abschluß in Schutt
und Asche wirkt sehr dicht und entläßt den Le-ser fast traurig aus
den dekadent-schummrigen Seiten des Buches.
Taschenbuch mit farbigem Schutzumschlag, sehr schönen Illustrationen
(vor allem Portraits) vom Autor, 200 Seiten,
(c) T.H., 6/99