Fischaugen im Dämmerlicht

Wer hat solche Stunden nicht auch gern: Im Ofen lodert ein warmes Feuer, draußen bläst ein kalter Wind durch die Dunkelheit, eine Kerze scheint ruhig und der Tee steht dampfend auf dem Tisch.
Genau das ist die rechte Stimmung für das ca. 200-seitige TB, das einige Fans in einer Erstauflage von 500 Stück mit Unterstützung der Fachhochschule in Koblenz fabriziert haben. Ich kann da nur gratulieren! Das Buch ist gelungen, es hat mir primstens gefallen - natürlich nicht alle Stories gleichermaßen. Daher möchte ich es nun etwas näher vorstellen.
Das Buch ist der Beginn eines ambitionierten Versuchs, eine ganze Reihe phantastischer Literatur von Fan-Autoren herauszubringen. Einer der nächsten Bände, voraussichtlich im Laufe des Jahres erscheinend, wird "Der Alp - gothischer Horror" heißen. Es ist eine TB-Ausgabe eines A4-formatigen Fanzines, das seinerzeit zum 100. Geburtstag von H. P. Lovecraft von Bernd Jans herausgebracht wurde, der nun wiederum auch das vorliegende TB illustrierte und eine Story beisteuerte.
Finanziert wurde das Buch von der FH Koblenz. Die erhofften Verkaufserlöse sollen für die weiteren Projekte gleich wieder ausgegeben werden. Insofern kann ich den Machern nur maximale Verkaufserfolge wünschen! Nun, jeder, dem etwas an deutschsprachiger Phantastik liegt, sollte hier nicht achtlos vorbeigehen.
Nun gut, andererseits kauft auch niemand die Katze im Sack; gerade bei deutscher SF & F weiß man vorher nie so genau... Daher nun zum Inhalt:
Etwa die Hälfte macht eine längere Novelle des Herausgebers, Jörg Kleudgen, aus, "Totenwasser", die deutlich beweist, welch finstere Gemäuer, Gestalten und Geheimnisse noch immer im Mitteleuropa des 20. Jahrhunderts zu gegenwärtigen sind, wenn man nur sucht...
Der Autor entführt den Leser in seine Heimatstadt Koblenz, wo ein Planungsingenieur eine alte Festung begutachten soll, in der aber - schon bald wird das mit dumpfer Gewißheit klar - uraltes Unheil seiner harrt. Zunächst erschien es mir, als würde sich hier ein Mosaiksteinchen an die unendliche Geschichte um den Cthulhu-Mythos anfügen.
Nun, ganz so mystisch wird's dann doch nicht, obwohl Diktion, Stil und Sprache sehr an das Vorbild aus den 20er Jahren erinnern.
Es spielen merkwürdige Leute eine finstere Rolle: eine scheinbar noch immer lebende Frau eines Nazis verfolgt die Freundin des Protagonisten (er selbst bekommt sie nie zu Gesicht), ein Reptilienhändler, der sich in seiner Verhaltensweise schon bedenklich seinen Schützlingen angenähert hat, kommt auf rätselhafte Weise ums Leben, seltsam verformte Leute tauchen auf und tragen irgendein Geheimnis stumm mit sich herum.
Der Held der Geschichte entschlüsselt Schritt um Schritt die Geheimnisse der Festung, verstrickt sich immer mehr in den Wahn, hier schlimmen Dingen auf der Spur zu sein.
Der Autor versteht es, insbesondere im letzten Drittel, Spannung aufzubauen - als man dann schon glaubt, zu wissen, wo der Hase hinläuft, wird die Story völlig umgeworfen.
Es ist sicher ein Streitpunkt, ob das Ende und die Auflösung nicht etwas den Nimbus zerstören, der in der Novelle aufgebaut worden ist; dies bietet aber den Ansatzpunkt für Fortsetzungen...
Doch auch die kleineren Stories sind lesenswert.
Der Band beginnt mit Axel Menzers "Angst"; lovecraft'sches Grauen, namen- und formlos, schleicht durch die Zeilen. Der Autor weckt Kindheitserinnerungen aus einer Bergidylle, in die der Kinder-Alp vom großen, schwarzen Mann hineinbricht. Die Atmosphäre erinnert an die Schauerromantik des 19. Jahrhunderts. Die Story arbeitet einem überraschenden Ende zu, doch es gibt keinen Knalleffekt. Dadurch wirkt sie etwas unbefriedigend.
Lovecraft arbeitete auch gern mit diesen ungelösten, grauenerweckenden Rätseln, aber seine Nicht-Lösungen waren stimmiger - klar, er bleibt der Meister...
Die kürzeste Geschichte (2 Seiten) stammt von Frank Dumke und heißt "Der Tisch". Sie ist ein skurriles Märchen, das an Kafka oder Panizza erinnert. Sie beschreibt, wie sich das Verhältnis zwischen Mensch und Tisch verbessert. Der Weg dazu führt über eine erschröckliche Verstümmelung - skurril, einfach nur skurril...
Martin v. Arndts (seines Zeichens auch Kopf der avantgardistischen Goth-Formation Printed At Bismarck's Death) "Blut eines Liebenden" gleicht einem narzistischen Prosagedicht, das wahrscheinlich (?) sehr symbolisch gemeint ist. Allerdings verstehe ich die Anhäufung von Symbolen nicht. Stilistisch ist der Text aber sehr interessant, die komplizierte Sprache zwingt zum genauen Lesen. Ist es die Geschichte einer Selbstfindung, einer Selbstopferung, Selbstentsagung oder eine Vampir-Story?
Bernd Jans "Realismus" ist fatal! Oh nein, damit meine ich nicht die Qualität der Story, sondern, das, was so realistisch ist: Düstere Stimmung umschattet den Charakter des Protagonisten. Der "Held" - lovecraft'scher Art - ist arbeitslos, Horrorfan, Hobbyzeichner und gibt sich einem düsteren Weltbild hin. Er entdeckt sein morbides Interesse an der Ästhetik toten, verwesenden Fleisches, will es in höchst realistischer Art künstlerisch festhalten. Sein Perfektionismus bringt ihn zum Äußersten - seine Materialstudien werden konsequent durchgeführt...
Der Autor führt den Leser langsam, aber sicher in die Abgründe der Gedankenwelt des Protagonisten ein - läßt ihn dann mit dem Leser allein. Bernd Jans wählte eine außergewöhnliche Form für seine Erzählung, die im 19. Jahrhundert beliebt war und ihr eigenes Flair besitzt - den Briefroman.
Interessant, daß der Ich-Erzähler und fiktive Briefautor mit den Initialen J.B. unterzeichnet - Realismus eben...
Eine kurze Story lieferte Alexander Bach mit "Der Kunsthandwerker" über einen wunderlichen Laden voller unnützer Dinge - ein Märchen in märchenhafter Art verfaßt.
Wolfgang Schulze, "Weingeist". Das kommt also vom Saufen! Man sieht nämlich, wenn man Pech hat - der Ich-Erzähler hat Pech - mehr als nur weiße Mäuse: blutrünstige Aliens!
Die Story bietet allerdings wenig Überraschendes, der Autor versucht, unheimliche Spannung aufzubauen, was ihm meiner Meinung nach nicht so recht gelingt. Die Geschichte liest sich aber flüssig. Und es gibt dann noch einen kleinen Effekt, als man schon annehmen kann, die Sache sei gelaufen.
Auch "Zeit der Stasis" (den Titel kenn' ich doch...) von Kai Schindelka ist nicht so toll. Hier wird ein echt fieses Schwein von Mensch (vergreift sich perverser Weise an kleinen Mädchen) seiner gerechten Strafe zugeführt. Dazu wird eine totgelegte Chemiewaffenfabrik bemüht, in der die "verwilderten" Produkte der dortigen Forschung ihr Unwesen treiben.
Der letzte Beitrag der Anthologie war dagegen sehr gelungen. Er stammt von Sebastian Fugenzi und ist betitelt mit "Im Labyrinth der Zeit". Das klingt nicht sehr originell, aber die Story ist es durchaus.
Ein Penner lockt durch seltsames Verhalten und überaus präzise Geschichtskenntnisse, die man einer so abgewrackten Figur nie zugetraut hätte, den Protagonisten in die stinkende Kloake der Stadt. Diese ist aber das, was im Titel angedeutet wird - zumindest für bestimmte Menschen, zu denen beide gehören.
Was diese Story zu meiner Lieblingsgeschichte des Bandes machte, waren aber der sehr flüssige Schreibstil, die spannungserzeugende Art und der philosophische Touch.
Nun, das reicht! Was soll ich noch Worte verlieren, bestellt Euch doch einfach das Buch!

Phantastische Geschichten, herausgegeben von Jörg Kleudgen mit der AStA der FH Koblenz und der GOBLIN Press, 1992, 200 Seiten, Illustrationen von Bernd Jans
(C) T.H:, 1993