Uwe Voehl und Jörg Bartscher-Kleudgen:
HalligSpuk
Schauergeschichten von der Hallig Hooge
(Goblin Press, 2004)
gelesen von Thomas Hofmann
Wohin verreisen Horrorbuchautoren? Wo verbringen sie ihren
Urlaub? Und was machen sie da? Herr Hohlbein hat diese Fragen ja während
eines Cons (Dortmund) mal beantwortet; er fuhr nach Mexiko, setzte sich an den
Strand, und begann aus Langweile eine Story zu schreiben; als er sich nach 14
Tagen oder so ins Flugzug setzte, um nach Hause zu fliegen, war sie fertig …
Nun, die beiden Autoren, die die Geschichten zum vorliegenden Band schrieben,
verreisten nicht ganz so weit, sie zog es an die Nordsee, ins Wattenmeer, zum
Hallig Hooge.
Dieser Ort ist eines von 14 bundesdeutschen Biosphärenreservaten und wohl
recht beschaulich, umfasst ca. 5,5 km² und wird von ca. 110 Leuten bewohnt.
Die wohnen übrigens auf so genannten Warften, künstlich errichteten
Hügeln, die gegen Hochwasser und die gefürchteten Sturmfluten schützen
sollen. Solche Hügel gibt es in den Nordseeregionen wohl überall und
sie heißen nur verschiedenartig: Wurten, Terpen, Wierden, Vaerften.
Und es gibt eine zentrale Sage oder Legende im Wattenmeer: Von einer versunkenen
Stadt. Das Vineta der Nordsee hieß Rungholt. Anders als bei Vineta ist
man sich aber in Fachkreisen relativ sicher, wo dieser Ort einst stand, ehe
ihn 1362 die Fluten heimsuchten. Die Gründe, weshalb diese kleine Stadt
"bestraft" wurde, sind aber ähnlich denen Vinetas moralische
Zudichtungen.
Dorthin verschlug es sie also und natürlich konnten sie es nicht lassen:
Sie suchten, fanden und erfanden Geschichten, die dem neblig-stürmischen
Flair dieser wilden Landschaft und ihrer herben Bewohner entsprangen und entsprechen.
Dabei fanden sie den richtigen Ton, die Geschichten haben einen leicht sagenhaften
Touch, sind unheimlich, voller grauseliger Andeutungen und menschlicher Tragödien,
aber auch spannend und mitreißend. Auch wenn man – wie ich – nicht schon
einmal dort war, glaubt man, diese nasse Welt erkennen zu können.
Da gibt es z.B. den Kapitän eines Walfängers, der als einziger von
300 Leuten einer Seekatastrophe entrann und zurückkehrte. Das muss mit
dem Teufel zugehen, mutmaßen die Nachbarn und es gibt tatsächlich
Hinweise dafür …
Oder: Es finden Touristen eine seltsam verzierte Tabakspfeife, die einen unheimlichen
Bann auszuüben scheint und dadurch das Urlaubsglück erheblich stört.
Hier wirkt wieder ein Fluch, der auf einem alten Walfänger liegt, bis in
die Neuzeit hinein …
Es wird auch über Liebe bis über den Tod hinaus erzählt, die
sogar zu einer Schwangerschaft führt. Hier gelingt es dem Autor übrigens
sehr geschickt, den Leser darüber im Unklaren zu lassen, ob es überhaupt
ein übernatürliches Element in dieser Story gibt …
Ein moderner Rattenfänger kommt getarnt als fahrender Kinovorführer
ins Hallig. Neben einer handfesten Bedrohung werden sogar große Mythen
einbezogen …
Und dann darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich eine Story dem Stoff der
versunkenen Stadt Rungholt annimmt. Zwei verschrobenen Fremde, deren äußere
Beschreibung ein wenig auf die beiden Herren passt, die auf dem Backcover des
Buches abgebildet sind, sind der Sage auf der Spur. Sie besitzen mehr Informationen
als andere Forscher und es gelingt ihnen zu einem günstigen Moment die
versunkene Stadt zu betreten. Ob sie ihr Geheimnis lüften können …
Insgesamt sechs Geschichten enthält der kleine Band, dazu ein Glossar,
eine Karte, die leider nicht gut lesbar ist und Illustrationen von Jörg
Bartscher-Kleudgen, offensichtlich Tuschzeichnungen, die mitunter sehr gelungen
sind. Insgesamt also ein Kleinod, nicht nur für Nordsee-Fans.