Michael Siefener: Tage im Hotel
In nun schon gewohnter, also gediegener Aufmachung, präsentiert die GOBLIN
PRESS Stories eines der begabtesten deutschen Dark Fantasy-Autoren. Drei Stories,
wobei die Titelstory eindeutig der dominierende Text ist (die dritte Geschichte
zum Beispiel hat ja nur zwei Seiten), gehören ein-deutig zum Stärksten,
was ich von Michael Siefener gelesen habe. Erzählerische Dichte, die Plots,
Dynamik des Er-zäh-lens, die Stimmung und Spannung fesseln hundertprozentig;
das Heft "schnurpst" sich weg. Am Ende ist da nur ein bedauern, daß
es nicht weiter geht.
Ich lese Siefener sehr gerne und habe leider auch schon Texte zwischen die Augen
bekommen (?), die mir nicht so sehr zusagten, doch hier übertreibe ich
nicht, wenn ich meine Eindrücke mit obigen Worten reproduziere.
Ach ja, ich war ja erst mal bei der Hülle (Aufmachung). Bernd Jans aus
Ulm hat wieder mal die Illus geliefert, cthulhuide Monstren im - ich möchte
es mal so formulieren - medizinischen Ambiente. Ich nehme einfach mal an, daß
da eigene Erlebnisse verarbeitet wurden...
Die Bilder haben nur bedingt mit den Texten zu tun, aber auch das ist Tradition
in der GOBLIN PRESS und unterstreicht den eigenständigen Charakter und
Stellenwert der Zeichnungen.
Beim Einband haben sich die Macher nicht allzu viel Mühe gegeben, diesmal
wurde nicht handcoloriert, auch die Um-schlagillustration ist nicht sooo dolle...
Dafür findet man im Innern ein Foto des Illustrators mit einer seiner Kreaturen
als Latexfigur.
Hineingeführt in die horriblen Welten des Michael Siefener wird der Leser
mit einem Gedicht: "Der Traum". In die rechte Stimmung versetzt, gelangt
man auch gleich hinein ins schöne Gruseln. Die beiden Hauptstories des
Bändchens widmen sich vor-nehmlich dem Thema "Labyrinthe". Er-zäh-lung
Nummer 1 heißt daher konsequenterweise auch "Schäch-te".
Ein Mann kauft sich - für verdächtig wenig Geld - ein altes Haus,
das zwar auf den ersten Blick recht einfach und uninteressant aussieht, es aber
in sich hat, bzw. unter sich: In den Kellern kann man sich verlaufen, unsägliches
Grauen wartet dort.
Auch das Hotel in der zweiten Story ist nur ein Irrgarten, eine abgeschlossene
Welt, ein Spiegelbild der labyrinthischen Seele der Hauptfigur. Ein Vertreter
wartet auf einen für seine Firma überaus wichtigen Termin, der einfach
nicht zustande kommen will. Seine Zeit fließt bleiern in diesem vertrackten
Hotel dahin. Aus Langeweile be-ginnt er eine Liaison mit einem Zimmer-mädchen,
die zu Tode kommt. Das Hotel ist verwirrend und unheimlich, das Grauen nimmt
seinen Lauf.
Nicht die Story scheint mir hier wichtig, obwohl sie durchaus spannend und dynamisch
daher kommt. Sehr stark ist es dem Autor hier gelungen, die Reflexionen des
Protagonisten auf diese nervende Situation aufzuzeigen, den Horror, der sich
in ihm aufbaut, darin liegt die eigentliche Spannung dieser Geschichte.
Die letzte Story ist mit ihren eineinhalb Seiten die kürzeste, kompakteste
und damit am schwersten erschließbare; sie gleicht eher einem Prosagedicht.
Insofern bildet sie mit dem Gedicht am Anfang des Heftes einen schönen,
poetischen Rahmen.
Für Dark-Fantasy/Horror-Fans, die sich den Horrorwelten des Michael Siefener
widmen wolle, dürfte dieses Heft sicher der richtige Einstieg sein.