Michael Knoke
Des dunklen Träumers
Wiegenlieder
- Vier Bände im Pappschuber, 48, 40, 48, 40 Seiten, GOBLIN
PRESS, 1996
(c) Th. Hofmann
- Die Zeile über dem Titel ist ein Zitat, doch könnte ich es
auch so formuliert haben, als ich das erste Mal die Musik von YGGDRASIL
auf dem GRIMOIRE-Sampler 2/1996 gehört hatte: Was da an schrecklichen
Geräuschen den Verstand umnebelt, ist kaum auszuhalten. Aber vielleicht
ist Horror so? Imgrunde lesen wir in Horrorbüchern von so schrecklichen
Dingen, daß wir eigentlich entsetzt die Bücher fallen lassen
müßten. Oder lassen wir Gelesenes erst gar nicht so weit an uns
heran?
- Bei Horrorfilmen wenden wir uns schon einmal bei besonders heftigen
Szenen weg - meist vorher, weil wir das Schlimmste erahnen - um dann doch
wieder hinzuschauen, weil wir das Schlimmste erhoffen...
- Musik trifft da unmittelbarer. Sie ist ein so abstraktes Transportmittel
für Stimmungsbilder und Emotionen, so daß sie - im positiven
Fall - nicht vorhersehbar ist.
- Hinter dem Industrial-Projekt YGGDRASIL verbirgt sich u.a der Autor
der vierbändigen Heftedition der GOBLIN PRESS, die hier im folgenden
besprochen werden soll. - Jetzt könnte Biographisches zum Autor folgen,
doch könnte ich die Fakten ohnehin nur den im vierten Band abgedruckten
Porträts und dem dortigen Interview, bzw. dem Interview aus The Gothic
GRIMOIRE 2/1996 entnehmen, was vielleicht recht und billig wäre, aber
mir zu billig ist.
- Michael Knoke ist - so viel sei verraten - ein "ganz normaler Mensch"...
Doch vielleicht will er das gar nicht sein? "Normale" Menschen
sind auch die Helden seiner Geschichten,... die den wahren Horror verbreiten.
Auf alle Fälle geht er einem sozialen - also bürgerlichen, wenn
auch engagierten - Beruf nach und hat darüber hinaus schon ein paar
Texte an Profiverlage verkaufen können, aber wohl nicht genug, um davon
leben zu können.
- Die musikalischen und literarischen Experimente sind ihm sehr wichtig
für sein Wohlbefinden. Es ist schön, daß sie nun auch in
geballter Form einem interessierten Publikum vorgestellt werden. Allerdings
muß man schon sehr interessiert sein; ich finde den Preis nur bedingt
angemessen. Immerhin wird einem ein ganz toller Pappschuber geboten, in
dem die vier Hefte - illustriert, auch mit umlaufenden Covern, von einem
gewissen Thomas Hofmann (na ja...) - stecken.
- Der Name Knoke ist mir - und sicher auch dem einen oder anderen von
Euch - in der Presse aufgefallen. Vielleicht kann ich noch mal beim Rekapitulieren
helfen: In PARANEUJA 7 etwa (in dem Magazin arbeitet er ohnehin mehr oder
weniger mit, wenn ich's richtig verstanden habe) und in TANELRON 3/1 konnte
man so etwas wie längere Prosagedichte finden. In GOTHIC 22 und The
Gothic GRIMOIRE 2/96 findet man je eine Story, die aber auch hier in dem
Vierbänder enthalten sind.
- Der Herausgeber hat die aus dem bisherigen Gesamtschaffen des Autors
ausgewählten Stories ein wenig thematisch sortiert. Ich nehme an, auch
zeitlich, aber es sind leider keine Zeitangaben den Geschichten zugeordnet.
- Im ersten Band befinden sich zwei "klassisch" verfaßte
Gruselstories a lá Poe oder Lovecraft. Sie sind die rechte Einstimmung
in die Knoke'sche Dichterwelt, und sie illustrieren auch sein Hauptinteresse.
- "Die Schattenuhr" ist eindeutig eine Hommage an Poe's "Untergang
des Hauses Usher". Das Poe'sche Feeling wurde sehr gut getroffen, eine
beklemmende Atmosphäre macht sich breit. Ein wenig hatte ich natürlich
den Eindruck, daß sich hier der Autor erst warm schreiben mußte.
Insbesondere an den Dialogen gilt es, noch zu feilen, die mitunter unbeholfen
wirken. Die für die Lovecraft'sche Form der phantastischen Literatur
typische Verwendung von Adjektiven und Attributen wirkt hier in dieser Story
leider auch etwas zu aufgesetzt. Man muß nicht immer mit noch mehr
Nachdruck betonen, wie gruselig die Situation gerade ist... Aus dem Sekundärteil
im vierten Band konnte ich aber entnehmen, daß die Story älteren
Datums sein muß. Insofern handelt es sich also wirklich um einem Meilenstein
im Schaffen des Autors.
- Wie bei den Ushers besucht ein Freund der Familie das Haus. Die Bewohner
des Hauses kränkeln dahin. Im Fortlauf der Erzählung erfährt
der Besucher, daß es schon andere Bewohner gab, denen auch alle ein
ähnliches Schicksal widerfuhr, wie den jetzigen Bewohnern - und auch
dem Besucher. Im Gegensatz zu "Usher" entwickelt sich die Story
zu einer handfesten Geistergeschichte.
- Trotz der oben skizzierten Schwächen zeigt der Autor hier auch
schon seine absoluten Stärken, die seine Texte unverwechselbar machen
und für mich auf alle Fälle sehr lesenswert. Der Autor ergeht
sich mitunter ausführlich in metaphysischen Erklärungen, zeichnet
einen paraphilosophischen, dichterischen Hintergrund und kreiert dadurch
faszinierende Sprach- und Gedankenbilder.
- Die zweite Story in diesem Band ist "Der Schatten gegenüber
dem Dachfenster"; wie ich finde, ein etwas unglücklicher Titel.
- Wieder finden wir uns in einem Haus wieder, diesmal in modernerem Ambiente,
im Göttingen der Jetztzeit. Der Leser bekommt die Tonbandaufzeichnung
eines wahnsinnig gewordenen Schriftsteller präsentiert.
- Wahnsinn ist ja relativ; hier ist dieser arme Mensch einfach nur hochsensibilisiert
für das Grauen um uns herum. Cthulhuide Wesenheiten - auch hier sind
die metaphysischen Umschreibungen des Autors unnachahmlich (!) - suchen
den Protagonisten heim, treiben ihn in die Geschlossene Anstalt und darüber
hinaus in den Tod.
- Lange Zeit hatte ich keine Gänsehaut beim Lesen einer Story mehr;
hier ist es mir gelungen, wieder eine zu bekommen...
-
- Im zweiten Band befinden sich ein paar der SF-Stories Knokes. Im Sekundärteil
erzählt er von einem SF-Roman-Projekt, das vom Plot her sehr interessant
klingt. Die hier abgedruckten Stories sollen - so der Herausgeber - an die
SF eines Clark Ashton Smith erinnern. Nun, das konnte ich so nicht nachempfinden.
Für meine Begriffe hat hier der Autor nicht gerade seine Meisterwerke
geschaffen.
- Am besten war noch "Die Tage des Morgentaus". Eigentlich beginnt
alles wie ein normales Planetenabenteuer. Doch die Story entpuppt sich als
psychisches Attentat der Planetarier auf den vermeintlichen Eroberer. Ähnlich
wie in den "klassischen" Horrorstories geht es mehr um entfremdende
Gefühle der Angst und des Verlorenseins.
- "Handmade" ist ziemlich schwach; das hat man schon 1000mal
so gelesen. In einer übertechnisierten Welt ist es eine kleine Revolution,
wenn ein Schriftsteller auf einem Blatt Papier (!!) mit der Hand schreibt
(!!!!). Na ja...
- "Cybersoul" wartet zumindest mit einer originellen Sichtweise
auf. Aus der Perspektive einer mit einer KI ausgesatteten, vollautomatisierten
Handfeuerwaffe wird ein Gefecht in irgend einem zukünftigen Krieg geschildert,
das mit dem Tod des Waffenträgers endet. Die KI endet auf einem Schrotthaufen,
wo sie endlich in aller Ruhe und Schwärze vom Großen Cybergott
träumen kann.
- Das Motiv wird auch in "Eine Welt für sich" aufgegriffen.
Da ist es der Bordcomputer einer bemannten Jupitersonde, auf der ungeklärte
Phänomene auftreten, die vielleicht ihre Halluzinationen sind; oder
die des einzigen, einsamen Astronauten?
- Die letzte Story des Bandes ist gleichzeitig die längste: "Terminus
Zero". Sie erinnert zwar an "Flucht ins 23. Jahrhundert"
und "Running Man", aber es macht sich bemerkbar, daß der
Autor mehr Platz braucht, um auch einfach eine gute Story zu erzählen.
- In einer TV-Show werden Verbrecher (die Verbrechen sind natürlich
in unseren Augen keine; hier gleitet der Autor in zu viele Klischees ab)
vorgestellt. Die Zuschauer dürfen zwei der drei auswählen, die
einer Resozialisierung unterzogen werden sollen. Der Rest wird "entsorgt".
- Auch hier glänzt der Autor wieder bei der Beschreibung der Angst
vor dem Tod, der die Betroffenen ausgesetzt sind.
-
- Im Band 3 kehrt der Autor zurück zu seinem Metier, der gothic novel,
der dark fiction. Gut so!
- Die hier versammelten Stories sind scheinbar schon wesentlich reifer,
sie entbehren inzwischen dieser Holprigkeit, die ich den Stories des ersten
Bandes unterstellte. ich vermute, sie entstammen einer späteren Schaffensperiode
des Autors.
- Allerdings greift er auch hier auch bekannte Topoi zurück: In "Estelle"
auf den Frankensteinmythos, in "Die Geschichte der Charlotte M."
auf den des total hilflosen Kindes, das einer bösen Stiefmutter ausgesetzt
wird. Das Kind ist taubstumm und blind, die Ziehmutter ein Scheusal, die
es dann auch bestialisch umbringt.
- Daß nun aber der olle Tod am Ende mit Schädel, Sense und
Stundenglas schicksalsträchtig erscheint, hielt ich für zu dick
aufgetragen; das hat die Geschichte nicht gebraucht. Dazu ist das Thema
eigentlich zu nah an der Realität 'dran, um sie durch solchen Budenzauber
noch mit Gewalt in die Geistergeschichtenecke zu holen.
- Mit "Das Hochzeitsmahl" begegnen wir dem Autor gar auf der
humorigen Schiene, und dabei auch noch sehr gekonnt! Ein nekrophiles Meisterwerk,
bei dem man nicht weiß, ob einem alles hoch kommen soll, oder man
laut losprusten muß vor Lachen. Klasse!
- Auch "Alice" schlägt in diese Kerbe, wenn hier auch ohne
ironischen Unterton. Kurz nach dem humanen Overkill, die Leichen verwesen
noch in den Straßen, begegnet der letzte Übelebende dem Leichnam
seiner Geliebten in der Meeresbrandung, um mit ihr ein letztes Mal die Freuden
der Liebe zu erleben. Muß ich noch sagen, daß der Leichnam schon
ein paar Tage im Meer treibt?...
- Ansonsten sind hier noch ein paar kürzere Stories versammelt, die
sicher typisch für den Autoren sind und mitunter sehr Hommages an Lovecraft
darstellen (könnten; man - und ich auch - neigt zu gerne dazu, Vertreter
dieser Spielart der Phantastik als "Nachahmer" Lovecafts zu bezichtigen.
Doch denke ich, ist der Erzählstil schon zu sehr zum Allgemeingut geworden,
zum festen Bestandteil des Erzählens von Horrorgeschichten.)
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- In Band 4 werden gar zwei Fantasystories vorgestellt, die aber auch
nicht zu den Glanzstücken Knokes gehören, meine ich. Sie orientieren
sich wohltuend an überlieferten Mythologien, hier einmal an der griechischen
und an der nordischen. Insbesondere "Das Wolfsgewand" hat mir
noch sehr gut gefallen. Gott Loki trickst ein Kämpferpärchen aus.
Sie besorgen aus Odins Besitz einen Wolfspelz, der seinen Träger zum
Werwolf macht. Die beiden Helden hätten sich nie für eine Mission
im Auftrage Lokis hergegeben, aber listenreich kann er sie doch dazu "überreden".
Natürlich geht das nicht gut für die beiden aus...
- Den Storyabschluß macht "Träges Gas", quasi einen
Prolog zur allerersten Story "Die Schattenuhr" in Bd.1. Selbige
Artefakte spielen auch hier in dieser beklemmenden Horrorstory eine große
Rolle. Nun ja, der Bogen schließt sich...
- Abgerundet wird die Edition durch schon erwähnte Sekundärtexte:
Ein Porträt des Autors, verfaßt vom Herausgeber, eine Selbstvorstellung
und ein Interview. Hier kann man nach dem Lesen der Stories also ausführlich
sein eventuell entstandenes Interesse an der Person des Autors stillen.
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