Liber
XIII und andere unerwünschte Nachlässe
(Anthologie, Goblin Press, 1999)
Der Herausgeber der Goblin Press, Jörg Kleudgen (Bild), hatte zu seiner
Lesung in Leipzig am 17.9.1999 auch die beiden neuen Taschenbücher seiner
Edition im Gepäck. Damals leider nur erste Ansichtsexemplare, da die (Klein)Produktion
mal gerade so fertig geworden ist. Nun ja, mittlerweile sind die Bücher
bestellbar.
Zunächst also zur neuen Anthologie. Nach “Arkham” die zweite im TB-Format.
Ähnlich wie bei der ersten ist es wieder der Altvordere der unheimlichen
Phantastik, H.P. Lovecraft, der diese Seiten beeinflußte. Das besondere
des Bandes besteht darin, daß hier auch mal ein paar neue Namen eingebracht
werden, die auch neue Nuancen und Farben (natürlich dunkle) ins Spektrum
der deutschsprachigen Weird Fantasy einbringen. Zur anderen Hälfte findet
man aber Altbekannte.
Die Titelstory stammt von Tobias Bachmann, einem der Neulinge, auch wenn er
in der Goblin Press schon mal mit einem dünnen Bändchen vertreten
war. Wenn mir seine beiden Geschichten in “Steine” damals fast noch etwas unbeholfen
und holprig erschienen, so über-zeugte mich diese Geschichte hier schon
eher! In “Liber XIII” spielt Tobias mit Versatzstük-ken der Weird Fiction.
Sie führt uns in die Gefilde Neuenglands, von Providence und Rhode Island.
Jeder Lovecraft-Fan weiß natürlich mit diesen Namen etwas anzufangen...
Träume werden zur Realität und umgekehrt, sind ineinander verschachtelt
und kaskadiert. Besonders beunruhigend empfand ich die fliegenden Monstren,
die an den Häuserwänden kleben bleiben.
“Convent 2027" stammt von Michael Knoke; kein ganz unbekannter Name mehr;
auf sein Konto gehen Heftromane und Goblin Press-Veröffentlichungen. Zu
dem Metzengerstein-band, den man zwar problemlos über den Buchhandel bestellen
konnte, kam es nun wohl lei-der doch nicht...
Die Story hier erinnert dann etwas an Tiefseethriller wie “Abyss”, allerdings
cthulhuid auf-gemotzt; das Grauen entspringt hier den eigentlich abzuerntenden
Algen. Die straighte Er-zählweise verpackt eine allerdings nicht sehr überraschende
Handlung.
“Die Bibliothek des Dr. Serög” ließ mich ob ihres Titels und ihres
Anfangs etwas aufstöh-nen. Oh je, wieder so eine Mad Scientist-Geschichte,
a lá Frankenstein mit etwas naiven, pseudowissenschaftlichem Gelabere.
Sicher, Frank Eßer kolportiert das uralte Motiv, weiß aber kurzweilig
zu unterhalten. Der erwähnte parawissenschaftliche Hintergrund wird durch-aus
noch vertieft, ein klassisches Arrangement beläßt den Leser nicht
lange bei Schilderun-gen irgendwelcher Konstrukte; es geht schnell zur Sache.
Ein wunderlicher Professor bietet einer jungen Studentin an, in seiner Bibliothek
für den letzten Schliff für ihre Abschlußarbeit zu stöbern.
Der Professor ist dann gar nicht zugegen, dafür eine noch wunderlichere
Haushälterin. Es knistert schon. Ein alter Computer und Hyp-noseaktivitäten
spielen noch eine schlimme Rolle; aber es geht gut aus.
“Stille und Licht” ist mal wieder so ein Zweiseitentext. Stammt von Chris Dohr.
Er schil-dert eine ausweglose Situation, die durchaus unter die Haut geht; doch
ist die Story definitiv zu kurz. Hier kann der Autor sein eventuell vorhandenes
Erzähltalent kaum entfalten.
Martin Schemm holt dafür etwas weiter aus und bietet eine tolle Geschichte.
“Der Wande-rer durch die Zeiten” erzählt von den Recherchen eines jungen
Mittelalterexperten, der einem seltsamen Dokument auf die Spur kommt. Dummerweise
scheint dem Papier ein Fluch anzu-hängen - kurzweilige Mystery-Unterhaltung.
Frank Eschenbach schreibt ja nicht unbedingt leichte Kost; sein “Leben und Tod”
ist aber eine dufte, nicht allzu komplexe cthulhuide Science Fiction Geschichte.
Hier erklärt er, wo-her Cthulhu stammt. Dabei entfaltet der Autor ein sehr
farbenprächtiges und anschauliches Science Fantasy Gemälde von fremdartigen
Wesen und Welten.
Richard Wagner 33°° ist mit Sicherheit ein Pseudonym. Im Untertitel
zu “Trapezohedon” taucht der Name des Herausgebers auf; doch beteuert dieser,
die Story nur aus Versatzstük-ken des Autors zusammengesetzt und ergänzt
zu haben. Hier wird wieder stärker auf Love-craft eingegangen; man findet
nämlich das Buch der ungeschriebenen Geschichten des Gru-selahnen. Es zu
lesen, bedeutet Unheil.... Sehr stimmungsvoll und trotz der Facettenartigkeit
gelungen und durchkomponiert.
Jörg lieferte ebenfalls einen eigene Geschichte: “Im Felsenmeer”. Auch
sie beschreibt ein unheimliches Erbe, eine Landkarte eines Felsenterrains, das
sich aber wohl ständig verändert. Dort den Lebensborn zu finden, wird
daher so gut wie unmöglich. Auch diese Story gehört zu den besten
des Bandes und zu den besten von Jörg!
Ebenso verhält es sich mit dem Beitrag von Boris Koch. In “Spiegel” geht
es ebenfalls um ein Erbe, diesmal ein Haus. Der Held ist durchaus moderner Natur,
ein fauler, wenn auch ta-lentierter und menschen-, speziell frauenscheuer Student.
Er verkrümelt sich lieber hinter Computerspiele und läßt seine
üppige Phantasie schweifen. Vielleicht ist es sie, die ihm ein Schnippchen
schlägt, aber vielleicht ist es wirklich sein Spiegelbild, das sich aus
dem Spiegel befreit und ihn dorthin verbannt.
Michael Tillmann liefert den würdigen Abschluß. Auch hier kann ich
ihm bescheinigen, ei-ne seiner besseren Geschichten abgeliefert zu haben. Er
widmet sich der Person Lovecrafts, läßt ihn als Protagonisten auftreten.
Dabei ist es gar keine phantastische Story; es scheint so-mit sogar authentisch
und eine wirkliche Episode aus Lovecrafts Leben zu sein.
Lovecraft verpaßt einen Bus und ißt eine Birne, die irgendwie nach
Friedhof schmeckt. Als er dies äußert, bekommt er Schwierigkeiten
von einem Landarbeiter, der sich ertappt fühlt...
Natürlich, man wird in dem Band wieder vergebens knallharten Horror suchen;
doch hat man etwas übrig für sie schattigen Seiten des Lebens, für
das im Dunkel Verborgene, Un-nennbare, so kann man hier fündig werden.
170 Seiten,
(c) T.H., 10/99