Jörg
Kleudgen: Der Fluch von Mayfieldgelesen von Thomas Hofmann
Nun sage mir noch jemand, die deutschsprachige Phantastik sei tot. Der hat wahrscheinlich recht, schaut man nur in die Programme der großen Verlage. Dem Nachwuchs wird's auch nicht leicht gemacht, viele werden ihr literarisches Sein lange Zeit, vielleicht auch für immer, in Small Press Gefilden fristen. Allerdings stehe ich auf dem Standpunkt, daß dies nicht das Schlechteste ist - allerdings kaum für die Autoren, die dann nicht von ihrer Schreibe leben können.
Wie auch immer, inzwischen ist relativ viel in relativ kleinen
und Fan-Verlagen erschienen, was den Freund guter phantastischer Literatur interessieren
dürfte.
Auch vorliegender kurzer Roman sollte nach dem Willen des Autors besser in einem Major-Verlag erschienen sein. Dies klappte nicht; wobei er sich natürlich damit in guter Gesellschaft befindet, wenn ich an anderer Stelle lese, daß ein nun wirklich als gut befundener und vollherziger Autor wie Michael Siefener seinen Roman auch nicht los wird.
Dem Fluch der deutschen Sprache und des nichtamerikanischen Namens haben wir es aber zu verdanken, daß dieser recht kurze Text nun vielleicht nicht zwischen zwei bunten Papierseiten in der Versenkung der Heftroman-Anonymität versank (vielleicht ist aber gerade der viel - auch von mir - verschmähte Heftroman DAS Startbrett für den Nachwuchs!?).
Ende `96 erschienen also in der GOBLIN PRESS wieder einmal - und gleich zwei - Taschenbücher, also in hartem Karton eingebundene, TB-formatige Bände, der eine dicker (demnächst in diesen Seiten zu besprechen), der andere schmaler. Es macht Spaß, dieses Buch in die Hand zu nehmen, liebevoll wurde es gestaltet, hat einen schneeweißen Einband, versehen mit einer Grafik, die - genau wie die Innenillustrationen - von der Hand des Autors stammt. Nach einem kurzen Vorwort entläßt der Autor den Leser in seine neblige, mittelalterliche Ortschaft Mayfield. Zeit und Raum bleiben unbestimmt, müssen sich aber irgendwann zu Beginn unseres Jahrhunderts und im neuenglischen (Lovecraft!) oder britischen Bereich bewegen.
In Mayfield - welch blumiger Name für so tristes Terrain - blieb ohnehin die Zeit stehen, schmale Gassen winden sich labyrinthisch zwischen den alten Mauern inmitten einer Moorlandschaft, durch die nur wenige ,offizielle" Straßen und einige Schmugglerwege führen.
Dahin kehrt die Tochter derer von Mayfield nach einer langen Reise in die Mysterien des Nahen Ostens und Ägyptens zurück.
Der Autor läßt sich Zeit, viel Zeit, um seine kleine Welt aufzubauen. Ein wenig ermangelt es an ,Aktion", was verwundert, wenn man das übrige, wesentlich handlungsgeladenere Werk des Autors kennt. Vielleicht ist dies ein Grund für die ,großen" Verlage, den Roman nicht einzukaufen: Sie hatten einfach keinen Mut, sich auf diese Gedanken- und Gefühlsberichte einzulassen; es fließt zu wenig Blut, es treiben zu wenig - offensichtliche - Ungeheuer ihr Unwesen. Doch das Grauen ist da, allgegenwärtig. Und es wird auch nach der Familie greifen. Der titelgebende Fluch wird aber am Ende abgewendet. Nun, dies geschah mir dann zu schnell und rigoros; ein uralter Fluch, geboren aus Bruderzwist, wird relativ belanglos weggewischt, sobald man ihn erkannt und benannt hat - ein scholastisches Ende? Vielleicht ist dieses happy end ein Eingeständnis an die mögliche und geplante Verwertung? Irgendwie funktioniert es nicht.
Vielleicht hat dies aber auch der Autor gemeint, als er dem längeren noch einen sehr kurzen Text anhängte: ,Land unter". Was nur als ,Momentaufnahme" im Vorwort angekündigt wird, entpuppte sich für mich als eine packende Situationsbeschreibung einer von Hochwasser gebeutelten Region, in der der Autor ja zu Hause ist. Doch wie für einen Phantastikautor angemessen, überhöht er diese Situationsschilderung. Der Protagonist wohnt als einziger Überlebender (so sicher ist er sich nicht, doch hat er keinerlei Kontakt zu anderen Menschen) in einem Turm, in dem es zwar feucht, aber nicht lebensbedrohend zugeht. Das Wasser überschwemmt den nahen Friedhof und spült die Leichen hervor, die durch das in sie eindringende Wasser zu gespenstischem ,Leben" erwachen.
Im Grunde kommt diese ,Skizze" völlig ohne ,echte" Phantastik aus, taucht den Leser aber in eine beklemmend gruselige Atmosphäre.
Insgesamt kann ich das Büchlein - wie so oft - wärmstens
empfehlen, ist es doch wirklich ein gutes Gegenstück zur aktionsgeladenen,
dafür kopflosen, Laufband-Fantasy der ,erfolgreichen" Verlage.
Der Fluch von Mayfield - ein phantastischer Roman. ©
Goblin Press, Dezember 1996, 120 Seiten,