Jörg Kleudgen: Die Mühlen der Zeit. Retrospektive 1985 - 1994

Impression, Berlin-Treptow, 22.9.95
Der Tag strahlte in frühherbstlichem Licht, golden und noch ein wenig warm. Am anderen Ufer der Spree, nur über eine geschwungene Brücke zu erreichen, glänzten die hellen Mauern des kleinen neoromanischen Turmes. Auf dem Turm wehten schwarze Fahnen, mittelalterlich gefranst, mit großen weißen Königslilien. Ja, das mußte es sein. Doch konnte man diesem Ort zutrauen, Hort eines Gothic-Konzertes zu sein; d.h. "Gothic" schon, aber wo sollte das Konzert stattfinden?
Im Innern des Gemäuers, das man nach unten und oben erkunden kann, gab es genügend Räume, u.a. auch einen für ein Konzert vor einem angemessen großen Publikum.
Als es dann soweit war, das Band mit dem Regen-Sample eingespielt wurde, die Nebel wallten, betraten die Musiker von THE HOUSE OF USHER die Bühne, zuletzt Nosferatu selbst...? Jörg, der Sänger der Gothic-Rock-Band, sah in seinem langen, schwarzen Mantel mit dem hochgestellten Kragen, seinen dunkel umränderten Augen und seiner sehr dünnen Erscheinung diesem Fürsten der Dunkelheit überaus ähnlich.

So kannte ich den Autor und Herausgeber der GOBLIN PRESS noch nicht, zumindest nicht leibhaftig. Wer sich einmal umfassend mit dem schriftstellerischen Schaffen des Gothic-Musikers und (vornehmlichen) Horrorautoren Jörg Kleudgen befassen möchte, dem kann ich die von keinem Geringeren als Herrmann Urbanek initiierte Retrospektive, "Die Mühlen der Zeit", empfehlen, die ich infolge auch vorstellen und besprechen möchte.
Mehr denn je begreife ich den gesamt-künstlerischen Anspruch Jörgs, der mit seiner Schreibe und der Musik, seiner Herausgebertätigkeit im Rahmen der GOBLIN PRESS und seiner maßgeblichen Arbeit an dem Magazin GOTHIC, in der ja musikalische und literarische Interessen gleichermaßen einfließen, offensichtlich eine kulturelle Äußerung, aber in all ihren Facetten, im Auge hat, die für mich immer mehr an Faszination gewinnt. Vielleicht bleibe ich zunächst einmal bei der Bezeichnung Schwarze Phantasie. - Doch nun zur Sache selbst.
Auch wenn ich selbst in nicht unmaßgeblicher Weise Teil hatte an dem äußeren Erscheinungsbild der Edition, will ich kurz mein - und Deines, geneigter Leser - Augenmerk auf die Aufmachung lenken. Die vier DIN A 5 Hefte aus der GOBLIN PRESS weisen umläufige Coverillustrationen auf, die zudem auch noch übereinandergelegt, ein Ganzes bilden. Zur besseren Verdeutlichung sind diese vier Bilder extra der Sammlung beigelegt, damit sie sich der Leser - so er will - an die Wand pinnen kann. Als ich seinerzeit für einen anderen Zeichner eingesprungen bin (die Hefte lagen eigentlich schon fertig kopiert parat, warteten nur noch darauf, bebildert und zusammengeheftet zu werden), da dieser wohl nicht aus dem Knick kam, und ich Jörg die ersten Bilder zusandte, kam er auf die Idee mit der Verbindung der Coverbilder, was mir neue Impulse gab; ich denke, das Ergebnis läßt sich sehen.
Doch nicht über meine Leistungen will ich hier orakeln, sondern das für meine Begriffe durchaus ambitionierte Werk des  Allround-Künstlers vorstellen.
Wie der Überschrift schon zu entnehmen ist, umfaßt die Sammlung auch ältere Texte, die in ihrer Gesamtheit einen repräsentativen Überblick über das bisherige Gesamtschaffen des Autors Kleudgen verschaffen.
So eine Retrospektive ist natürlich überaus amüsant. Da ist zum einen die Begegnung mit einem Autor, von dem man vielleicht schon etwas gelesen hat, den man nun aber auf ganz neue Art kennenlernt; einige der ersten Stories weisen noch eine teilweise andere Handschrift auf. Jörgs allererste Story ist zum Beispiel noch reine Fantasy, da er sich zunächst dem Rollenspielerfandom zurechnete, aber wohl mit ähnlichem Enthusiasmus wie er es jetzt der Gothic-Musik und der Dark Fantasy angedeihen läßt. So sind die Geschichten im Band I zum Teil gar keine Geschichten, sondern Exposés für Rollenspielrunden.
Besagte erste Story heißt "Der Elfenkrieg", sie wird geradlinig erzählt, frei nach dem Motto: "Gesagt, getan!" (Zitat!), ist un-kompliziert und frisch, weist aber durchaus schon anheimelnde stilistische Wendungen auf, die man auch in "modernen" Geschichten des Autors wiederfindet. Schon in dieser Fantasy-Story meine ich Stilmittel zu finden, die er wohl seinem großen Vorbild Lovecraft abgesehen hat, die die Geschichte also trotz ihres "reinen" Fantasystoffes schon ins Metier der Dark Fantasy befördern. Eine große Schwäche hat die Geschichte aber: die Dialoge, sie sind zu sehr dem Ziel der Story, dem Plot unterworfen; reale Menschen reden anders, unterhalten sich eben auch über Redundantes. Die Handlung dominiert hier noch eindeutig; die Nähe zum RSP ist deutlich spürbar. Zum Ausgleich dafür verwendet Jörg aber zum Teil hervorragende sprachliche Bilder, die ich gerne zeichnerisch umgesetzt hätte: Elfenkönige, einer auf geflügeltem Seepferd, der andere auf einem "gräßlichen Teichfalter".
Die zweite Geschichte, "Schrecken der Steppe", fällt ein wenig ab gegenüber dem Erstling. Es ist ja ok, daß eine Gruselgeschichte ein offenes Ende hat, doch werden gesponnene Handlungsfäden einfach fallen gelassen; somit ist sie recht unbefriedigend.
"Die von draußen kommen" nimmt sich ein ganz großes Thema vor: der Eintritt der USA in den I. Weltkrieg. Zwei Detektive begeben sich an finstere Orte, um Spione zu stellen. Vor diesem realen Hintergrund greift ein typisch lovecraft'sches Thema Raum: Traum und Wirklichkeit verschmelzen, was wiederum den Übergang in eine andere Di-mension ermöglicht. Die Handlung weist ein rasantes Tempo auf, Langeweile soll zu keinem Moment aufkommen, dabei haben die Charaktere allerdings kaum Zeit, sich zu entwickeln. Schade ist hier nur, daß besagtes Thema keine weitere Rolle spielt; was böte sich hier an Verwicklungen an!
"Der Gottesacker" ist nun eindeutig ein Exposé, das merkt man beim Lesen sehr deutlich. Anfangs hatte ich mich schon ge-wundert (ehe ich im Inhaltsverzeichnis nachschlug und den Vermerk "Exposé" fand). Auf wenigen Seiten bringt der Autor so viele Ideen unter wie Lovecraft in fünf langen Geschichten, oder King in fünf dicken Romanen. Schon im ersten Absatz wird der Leser damit konfrontiert, daß die Arche Noah gefunden wurde, cthulhuide Wesen aus dem Berg Ararat unfreiwillig befreit, mit Untoten gekämpft und noch ein paar Abenteuer bestanden wurden; all das erfährt der Leser quasi in Nebensätzen, all das ist schon passiert, ehe die Geschichte überhaupt beginnt. In Folge stehlen affenartige Wesen aus der Kanalisation uralte Ma-nuskripte und..., aber halt, das führt zu weit, ansonsten ist meine Nacherzählung ge-nauso lang wie die Story selbst. Mich würde mal interessieren, ob es beabsichtigt war, dieses Exposé zur richtigen Story weiterzuverarbeiten, oder wurde danach eine ra-sante Spielrunde gestaltet?
Auch "Der Drachenkopf" ist ein Exposé, wirkt wie der Anfang eines längeren Textes, der Beginn einer phantastischen Parallelweltgeschichte.
"Im hohen Alter" ist des Autors erste "richtige" Horrorstory, über die Begegnung mit dem Altern, dem zeitlosen Zerfall - ein morbides Kleinod.
"Etimmumu" ist erste Klasse! Ein grausiges Erbe: ein Heer namenloser Monstren wartet auf einen Anführer. Die Story ist schaurig-schön und hat auch ein offenes Ende, doch ist hier die oben erwähnte "Kinderkrankheit" überwunden, es gibt eine ge-schlossene Handlung. Hier wird schon mehr an Stimmung beschworen, die Handlung steht nicht mehr so sehr im Vordergrund.
Den Exposés merkt man an, daß sie welche sind, meist findet man einen spritzigen Anfang, recht detailliert ausgeführt, dann wird die Handlung wie eine Zusammenfassung erzählt. Das mag damit zusammenhängen, daß während einer RSP-Runde ja das Ende nicht vorhersehbar ist. Dieser Umstand mindert allerdings meiner Meinung nach die literarische Qualität; die Texte hätten Geschichten werden können.
Die beiden letzten Texte sind zwar auch recht kurz, aber hier handelt es sich um "fertige" Texte. Sie entstammen Gedicht-bänden, lesen sich auch eher wie Prosagedichte. Insbesondere "Löcher" hat mir da sehr gut gefallen, hier wird eine wunderbare Stimmung erzeugt, ohne richtig gruselig zu werden. "Das Haus des Herrn Otto" fällt da-gegen für meine Begriffe etwas ab. Träume plagen den Erzähler - über ein Haus voller Geld und Essen, von dem aber nichts ge-nommen werden kann, na ja... Eine unheimliche Stimmung will dabei nicht aufkommen.
"Lieder vom Tod" eröffnet den Storyreigen im Band II. Jörg hat hier ein echtes Highlight an den Anfang gestellt. Die Monstren an den Wasserspeiern an gotischen Kathedralen sind sicher jedem schon mal aufgefallen; sie regen sicher nicht zum ersten Mal die Phantasie von Horrorautoren an. Diesmal sind es nicht die von Notre Dame de Paris sondern die des Kölner Doms. Die Ge-schichte wird zunächst in Form von Briefen erzählt, was für die Dark Fantasy nicht neu ist, aber der Autor versteht es, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Das Unheimliche, das unter dem Dom lauert, wird wie so oft, nicht bis zum letzten aufgeklärt, braucht es auch nicht, die Andeutungen reichen vollauf, da man ja sicher als Leser ja eine konkrete Vorstellung vom Kölner Dom hat hier also nicht mal mit einem phantastischen Ort wie Arkham oder so konfrontiert wird.
Der Autor erzählt von der verzehrenden Liebe zu einem Katzenwesen, das irgendwie mit den ägyptischen Gottheiten zu tun hat, der Stil ist angemessen (schwarz-) romantisch und leidenschaftlich, echt Klasse!
Sicher könnte ich hier noch fortfahren mit der Aufzählung der Geschichten, doch sind es einfach zu viele. Die Geschichten bewegen sich fast alle im Gefilde des Gothic Horror, oder der Dark Fantasy, sind für Fans von Lovecraft, Derleth, Lord Dunsany also der rechte Lesespaß. Und das meine ich auch so, es handelt sich hier nur in manchen Fällen um "Kopien" der Meister, sind natürlich von Altvorderen des Subgenres inspiriert, aber meistens sehr eigenständig und unterhaltsam. Immer wieder spielen alte Gemäuer, rätselhafte Bibliotheken und uralte Geheimnisse eine Rolle, man findet schwarzromantische Stimmungsbilder neben richtig actionreichen Abenteuern und auch mal märchenhafte Horror ("Der Ra-benbogen"). Hin und wieder kann man am Stil mäkeln, doch was soll's, sind die Geschichten doch Zeugnis eines Entwicklungsweges. Nicht selten merkt man den Texten Zeitdruck an, was zum Beispiel zu Dopplungen führt (insbesondere bei "Der Dämon des Herrn Zarro" auffällig; doch schon die nachfolgende Story dieses dritten Bandes, "Der Leser...", eine Hommage an Shelley's FRANKENSTEIN, entschädigt für diese weniger gelungene Story vollauf, aber ich will ja nichts mehr vom Inhalt erzählen...).
Nun, ein paar Worte muß ich doch noch fallen lassen über zwei Stories des letzten Bandes. Im Zentrum steht eine für die Ver-hältnisse der Edition äußerst lange Geschichte: "Darksite"; wieder handelt es sich um ein RSP-Text, doch ist es diesmal nicht nur ein Exposé. Zu Beginn der Story merkt man ihr schon ihre Herkunft an, da wieder eine Unmenge abenteuerlicher Begebenheiten angerissen wird; Schade, daß hier wieder nicht ausformuliert wurde. Ansonsten ähnelt diese Story schon Werken wie "Jenseits von Gut und Böse", es handelt sich also um eine komplexe cthulhuide Abenteuerstory. Es geht um geheimbündische Ungeheuerlichkeiten wie im "Foucaultschen Pendel" von Eco, wo ja auch bis zum Schluß nicht klar ist, ob etwas an dieser Verschwörungstheorie 'dran ist. Jörg nimmt sich aber nicht so die rechte Zeit wie es ein Eco getan hat, so bleibt die Story an vielen Stellen in der Aufzählung todbringender Geheimnisse stecken, unheimliche Stimmung will nicht so recht aufkommen.
Anders ist es dann bei der letzten Story des Bandes, die mir vielleicht sogar am besten gefallen hat von allen der Edition! Wieder mal sind es die Geheimnisse einer Stadt, einer Stadt, die immer wieder auf die alte, vorherige Stadt aufgebaut wird, ohne daß die alten Habitate vernichtet werden; sie sind fortan Wohnorte von Menschen, die selten oder gar nicht ans Licht treten. Ganz tief ruht ein Zeitvampir, der zur Gefahr für den gesamten Kosmos werden könnte. Um es mal mit Oswald Henke zu sagen: "Willkommen im Mittelpunkt der Zeit!"...
Doch die atmosphärische Dichte, die ganz hervorragende Stimmung kommt nicht durch die Story selbst, als vielmehr durch die Zeichnung der Charaktere zustande. Hier ist Jörg ein kleines Meisterwerk gelungen, zu dem ich nur gratulieren kann!
Für mich interessant war auch, durch diese Edition Texte aus alten GOTHIC-Heften lesen zu können (vor allem im Band III enthalten), dem ursprünglich mit 50 kopierten Heften pro Ausgabe von Jörg zusammengestellten "unabhängigen Magazin für Psychedelic", das sich mittlerweile zum Hochglanzmagazin "for underground culture" mit CD-Beilage gemausert hat und wohl eine Auflage von 10.000 Stück erreicht. Das Konzept ist wohl noch immer ähnlich: Beiträge zur Gothic-Musik u. anverwandte Stilrichtungen, Nachrichten und Essays zur Gothic-Szene, Literaturtips, CD- und Tape-Rezis, aber eben auch Stories aus dem Reich der Nacht.

Die Mühlen der Zeit, + Jörg Kleudgen, Illustrationen und Postereinlage von Thomas Hofmann, 1995, 4 Hefte im Pappschuber (Bde. 1,2 und 4 je 52 Seiten, Bd. 3 60 Seiten),
(c) T.H., 1996