Der ganz persönliche Horror
Ein Gespräch zu
Jörg Kleudgen:
Der Nachtmahr. Ein venezianischer Alptraum
(Goblin Press 1997)
geführt von Thomas Hofmann mit dem Autor

Es gibt sicher kaum jemanden, der noch nicht in Venedig war. Die Stadt ist ein enormer Touristenmagnet. Aber selbst wenn Du, lieber Leser, jetzt voller Euphorie oder Empörung ausrufst: "Natürlich war ich schon in Venedig!", so möchte ich entgegenhalten: "Nein, warst Du nicht!".
Vielleicht in einem anderen Venedig, aber nicht in der Stadt, die Schauplatz des vorliegenden Romans ist; das steht fest!
Manchmal frage ich mich, was die vielen Touristen in diese Stadt lockt. Im Hochsommer, wenn man kaum den Fußboden des Markusplatzes erkennen kann - vor Menschen und Tauben, es heiß und stickig ist, die Straßen und Gassen vor Dreck zu ersticken drohen, alles überfüllt, laut und stinkig ist, kommt einem der touristische Glanzpunkt Norditaliens überaus fragwürdig vor.
Sicher, man kann - so man will - viel Erstaunliches in dieser Schwellenstadt zwischen Okzident und Orient entdecken, die einst die Königin der Meere genannt wurde. Vielleicht sollte man da aber lieber auf den sonnigen Sommer verzichten und im nebligen Winter die dann wirklich geheimnisvollen Gassen besuchen, die menschenverlassen durch ein altes steinernes Labyrinth (ver)führen. Allerdings sei schon hier gewarnt; nicht jedem gefällt der Charme von "Wenn die Gondeln Trauer tragen"...
Und: Es ist auch nicht empfehlenswert, vor dem ersten Venedig-Besuch dieses Buch hier zu lesen. Andererseits scheint es sich geradezu als Reiseführer anzubieten. Bei der Lektüre fällt die enorme Detailbesessenheit auf. Mit einem Stadtplan danebenliegend kann man regelrecht den Spuren des Protagonisten folgen - zumindest bis zu bestimmten Plätzen, an denen er das reale Venedig verläßt und uns in ein phantastisches, unheimliches weiterführt.
Und tatsächlich, geht man als Besucher dieser Stadt durch die Gassen und an den Kanälen entlang, kommt man fast nicht umhin zu glauben, hinter diesen alten, gammligen Mauern muß noch mehr sein. Jörg entführt den Leser hinter die Fassaden dieser Stadt.
Jörg, warum diese ungeheure Detailtreue bei der Beschreibung des Szenario, warum diese fast schon erdrückende Authentizität? Die Schilderungen der Spaziergänge des Protagonisten durch Venedig machen einen großen Teil des Buches aus, und auch wenn sie sicher eine erzählerische Funktion haben, scheinen sie mir sehr ausführlich zu sein.
Was bedeutet Dir Venedig?

Jörg Kleudgen: Es stimmt schon, daß ich bei meiner Beschreibung Venedigs einen Schritt weiter gegangen bin als bei früheren Texten. Zum einen war mir von vornherein bewußt, daß es sich um einen längeren Roman handeln würde, zum anderen wollte ich sichergehen, daß sich der Leser in die Lagunenstadt versetzt fühlen würde. Dir ist sicher aufgefallen, daß die Detailfreude mit fortschreitender Kapitelzahl abnimmt, denn da ist sie nicht mehr vonnöten.
Es sollte dem Leser möglich sein, mit Hilfe eines zusätzlichen Reiseführers alle Wege des Erzählers nachzuverfolgen. Nicht, daß das für das Verständnis des Romans so wichtig wäre, aber es verwurzelt ihn doch irgendwo in der Realität, wohingegen die Handlung ja rein fiktiv ist.

Die Geschichte spielt am Ende der 60er Jahre. Hat dies einen besonderen Grund? Du selbst konntest ja unmöglich zu dieser Zeit dort gewesen sein.
Auf alle Fälle erscheint so glaubwürdig, daß ein (west)deutscher Besucher der Stadt noch erstaunt ist über die Stadt; heutzutage scheint man ja schon alles zu wissen und fühlt sich vielleicht nur in seinen Vorurteilen bestätigt. Außerdem rechtfertigt diese zeitliche Einordnung den leicht antiquiert wirkenden Erzählstil. Es scheint mir ein wenig zu Deinem Stil geworden zu sein, in der Sprache zu schreiben, in der Deine literarischen Vorbilder schrieben.

JK: Ich glaube nicht, daß so viele (west-)deutsche Urlauber Venedig bereits gesehen haben. Italien ist doch "out"! Und die wenigsten, die kommen, bleiben länger als ein, zwei oder höchstens drei Tage, und in dieser Zeitspanne sieht man nur wenig vom eigentlichen Venedig. Ich glaube, das kommt auch im Buch zum Ausdruck. Wenn man bedenkt, wie lange sich Heinrichs bereits in der Stadt aufhält, bevor er überhaupt den Markusdom besucht... man kann Venedig als reinen Urlaubervergnügungspark betrachten, man kann aber auch die traditionsreiche Stadt mit ihren Geschichten und Geschichtchen sehen, und die sind wahrscheinlich vielfältiger und spannender, als daß man sie überhaupt in einem solchen Roman wiedergegeben könnte.
Trotzdem glaube ich, daß die Stadt in den Sechzigern noch weitaus unverdorbener war als heute. Ich habe sie in dieser Zeit angesiedelt, weil es damals noch die letzten Zeichen einer Aufbruchsstimmung gab. Ich selber bin 1974 zum ersten Mal nach Italien gefahren, im zarten Alter von fünf Jahren, und ob Du es mir glaubst oder nicht... für uns "Wessis" waren Zucchini, Paprika und unbehandelte Zitronen auch noch etwas ganz Neues.
Das Datum, an dem die Geschichte beginnt, ist rein willkürlich gewählt. Es ist mein Geburtstag. Ich brauchte einen Ausgangspunkt für meinen Zeitablaufplan, der an Karneval enden sollte, und ich hatte das Gefühl, als ob es nur recht und billig wäre, dieses Buch, das für mich einen Wendepunkt und eine wichtige Marke in meinem Leben darstellt, mit diesem Datum zu beginnen.

Der Protagonist ist ein Antiheld. Zum einen macht ihn sein Broterwerb nicht gerade zum Sympathieträger - er versucht andere Leute über's Ohr zu hauen und am Rande der Legalität Kunstschätze zu erwerben, zum anderen legt er eine sehr skeptische und mitunter miese Haltung zu Italien und Venedig an den Tag. Er reflektiert viel über den allgegenwärtigen Verfall im Land - sowohl was die Fassaden der Gebäude, aber auch die Moral etc. betrifft. Da ist sicher was 'dran, obwohl für meine Begriffe gerade die nicht perfekten Fassaden italienischer Städte einen ganz eigenen Charme besitzen (es wird ja auch heute bei Renovierungen der Außenfassaden eine nicht wasserfeste Farbe benutzt, damit die Häuser bald auch wieder schön gammlig wirken...).
Gerade im ersten Teil des Romans, als Heinrichs durch Oberitalien fährt, besitzt der Roman eine enorme erzählerische Dichte. Und wie bereits erwähnt, das Land kommt nicht gut dabei weg - u.a. der Zustand der Gasthäuser.
Ist Heinrichs eine Identifikationsfigur für Dich als Autor gewesen? (Als Leser habe ich da so meine Probleme.) Auch wenn nicht, könnte ich mir denken, daß persönliche Erfahrungen in diese Beschreibungen eingeflossen sind.

JK: Ja, Heinrichs ist eine Identifikationsfigur. Natürlich ist er völlig überspitzt gezeichnet, und keineswegs ist er ein strahlender Actionheld, doch mit all seinen menschlichen Fehlern ist er mir irgendwo sympathisch. Und ich begann mich im Laufe meines Schreibens immer mehr mit seinem fortschreitenden Zustand des Wahnsinnigwerdens  zu identifizieren, oder besser gesagt: sein Handeln zu verstehen. Heinrichs wird mit dem Leben nicht fertig. Nicht der Wahnsinn an sich ist sein Problem, sondern die Unfähigkeit, sein Leben in die Hand zu nehmen. Insofern sollte "Der Nachtmahr" für mich eigentlich eine reinigende Wirkung haben. Über den Protagonisten hoffte ich einige unangenehme Eigenschaften zu entsorgen, die Agonie etwa, die mich von Zeit zu Zeit erdrückt. Ich weiß noch nicht, ob's funktioniert hat.

Heinrichs ist auf der Suche nach halbvergessenen Kunstschätzen. Er sucht in Venedig Antiquitätenhändler auf, um in deren Fundi Schätze zu entdecken, über deren Wert sie sich selbst nicht im Klaren sind. Außerdem sucht er geheime Kammern, Keller und Gänge hinter den Mauern der Stadt, um auch dort fündig zu werden. Und er wird natürlich fündig - findet aber am Ende mehr, als ihm lieb sein kann...
Nun, das mit den Kellern in der Stadt auf dem Wasser ist sicher Fiktion - aber auch hier in der Story sind viele unterirdische Gänge geflutet, so daß sich Heinrichs des öfteren nasse Füße holt.
Heinrichs bewegt sein Wunsch nach schnellem Reichtum, sich auch Gefahren und Ungewißheiten auszusetzen. Du beschreibst sein Tun sehr ausführlich und intensiv. Ist es vielleicht doch ein Stück von Dir selbst, der da durch die Figur des Heinrichs schimmert?

JK: Eher im Gegenteil, denn ich riskiere nichts und Geld interessiert mich im Grunde genommen überhaupt nicht. Aber das kann man auch für Heinrichs sagen. Er ist ja nicht geldgierig, eher fatalistisch! Wir beide wollen nur soviel Geld verdienen wie wir müssen. Die fehlende Zielstrebigkeit wird dem Erzähler in "Der Nachtmahr" zum Verhängnis. Seine allgegenwärtige Geldnot, die sporadischen Erfolge, die er erzielt - er könnte ja etwas daran ändern. Und plötzlich ist es zu spät!

Viele Dinge werden angesprochen - namenloses Grauen in überfluteten Kellergängen, eiweißhaltige Masse, Geheimorganisationen, traumatische Erlebnisse, psychische Probleme, Ekel und Wahnsinn. Am Ende findet alles eine Erklärung in einer riesigen Scheußlichkeit, die ich hier nicht näher beschreiben möchte.
Übte Venedig eigentlich (partiell?) eine so negative Wirkung auf Dich aus?

JK: Überhaupt nicht! Ich weiß, daß es Dir erscheint, als sei meine Beschreibung der Stadt und der gesamten Lagune eher negativ gefärbt. Fr einen Menschen, der Verfall, Relikte alter Zeiten und die Verlassenheit (besonders die Einsamkeit der Küstenstreifen) liebt, sind die Beschreibungen des Buches wahrscheinlich von poetischer Schön-heit. Und tatsächlich hat die Trostlosigkeit der Lagune an manchen Tagen etwas, das sehr inspirierend und bezaubernd ist.

Die Rätsel konzentrieren sich in der fiktiven historischen Figur des Malers Andrea Dolfin. Auch hier will ich nicht zu viel preisgeben, denn ich würde den Lesern damit Aha!-Effekt rauben.
Der Zeitgenosse und Kopist Albrecht Dürers (man beachte die Initialen) spielt bis in die Machenschaften eines mysteriösen Geheimbundes eine Rolle, der orgiastische Rituale abhält. Viele Notizen zu der fiktiven Biographie des Malers veranlaßte wohl schon Leser, im INTERNET nach dem Namen zu forschen, wie ich hörte.
Eng mit dem seltsamen Maler ist eine noch mysteriösere Frauengestalt verbunden.
Na ja, es wird am Ende aufgelöst, wie alles zusammenhängt - da muß man nun schon selber lesen.
Dolfin ist eine fiktive Person, doch gibt es trotzdem irgendwelche realen historischen Anhaltspunkte?
Es ist die Macht der Bilder, die zum Wahnsinn führen kann (ich fühle mich an "Das Stendhal-Syndrom" von Argento erinnert); und es sind ja auch in gewisser Weise Bilder, die Du beschreibst und die als Bedrohung aufgefaßt werden können. Wie weit geht für Dich die Macht der Bilder?

JK: Nein, für Andrea Dolfin gibt es keine realen Anhaltspunkte, allerdings wurde Dürer in Venedig tatsächlich recht dreist kopiert, was ihn ziemlich aufregte. In einer ursprünglichen Exposéfassung des Romans hatte ich Hieronymus Bosch gewählt, dessen Bilder eigentlich besser in den Kontext gepaßt hätten. Lara und ich hatten eine Bosch-Ausstellung im Dogenpalast besucht, und ich wollte diese Eindrücke verarbeiten. Die Beziehung zwischen Dürer und Venedig bot dann aber doch mehr Möglichkeiten, zumal Andrea Dolfin als wortwörtliche Travestie Dürers sehr reizvoll erschien.
Bilder verlieren ihre Macht sehr rasch, glaube ich. Wenn ich bedenke, wie schaurig ich die Graphiken H.R. Gigers fand, als ich sie kennenlernte und wie sehr sie mich heute langweilen... Andrea Dolfins Bilder sind abstrakter, hoffentlich langlebiger. Vielleicht sollte ich mal eins davon zeichnen...

Mitunter hätte ich mir eine gerafftere Erzählweise gewünscht, ein schnelleres Vorantreiben der Handlung. Allerdings sollte man dem Autor zugestehen, hier doch weiter auszuholen.
Sind es mitunter persönliche Situationen, die eingearbeitet wurden? Ich denke da an das chinesische Restaurant, an das Maskenfest, gar die rituelle Orgie?

JK: Viele Szenen der Geschichte habe ich in Stichworten skizziert, um sie auch Jahre später noch aus erster Hand verwerten zu können, trotzdem ist das ganze eher fiktiv oder eine Umwandlung psychischer Eindrücke in Aktion und scheinbare Erfahrung. Es hat also keine Orgien gegeben, auf einem Maskenball waren wir auch nicht, wohl aber auf der Friedhofsinsel, die wirklich zum Verweilen einlädt!

Im GOBLIN PRESS Gesamtprogramm vom Dezember 1994 finde ich bereits eine Vorankündigung des Romans (da noch unter dem Titel "Der Nachtmahr in Venedig"), der als "Splatter-Roman" und mit nur 150 Seiten angekündigt wurde. Ab den 95er GP-Faltblättern findet sich kein Hinweis mehr auf den Roman. Jetzt liegen 300 Seiten vor und der Roman ist gar kein Splatter-Werk geworden, vielmehr klassische Weird Fiktion. Offensichtlich war das Schreiben dieses Buches recht schwierig und es hat sich auch  konzeptionell einiges getan. Kannst Du uns bitte erzählen, wie es überhaupt zu der Idee kam, und wie sie sich entwickelt hat?

JK: Ursprünglich ging das Buch von einer etwas anders gearteten Idee aus. Ich bin jahrelang nicht über Seite 20 hinausgekommen, weil ich mich einfach festgeschrieben hatte. Es kommt vor, da man sich in eine Idee verrennt.
1997 habe ich dann komplett andere Schwerpunkte gesetzt, und plötzlich funktionierte der Roman. Es kommt mir so vor, als hätte ich erst jetzt die Erlebnisse meines ersten Venedigbesuchs, der eine wahre Katastrophe war, bewältigt. Und daß dabei noch eine - wie ich finde - recht unterhaltsame Geschichte herausgekommen ist, wesentlich straffer als der ursprüngliche, aufgeblähte aber wohl anspruchsvollere Anfangstext, stellt mich im Nachhinein zufrieden.
Ich denke, die größte Hürde war es, die Disziplin aufzubringen, auch dann an dem Buch zu arbeiten, wenn keine Motivation vorhanden war, und auch dann die best-mögliche Leistung abzuliefern. Ich habe mich dann oftmals doch lieber kurz gefaßt, bin ohnehin nicht chronologisch vorgegangen, sondern habe an allen Kapiteln gleichzeitig geschrieben.

Kurz vor dem Ende möchte ich mich beim Autor für seine Auskünfte bedanken!
"Der Nachtmahr" ist auf alle Fälle eine unterhaltsame Lektüre für Leute mit Venedig-Erfahrung; wenn man die Stadt kennt, erschließt sich beim Lesen so mancher Aha!-Effekt. Darüber hinaus erzählt er eine recht spannende Geschichte, die auch eine befriedigende Auflösung erfährt (was ja nicht typisch ist für die Weird Fiktion). Die Erzählweise ist mitunter etwas retardierend und die Story braucht eine Weile, um in Fahrt zu kommen, aber das Gesamtkonzept funktioniert, die Story geht auf. Als das bisher umfangreichste Werk Jörgs ist es eine gelungene Arbeit, die mir sehr große Freude bei der Lektüre machte und auf Mehr vom Autor hoffen  läßt!
Natürlich: Die Ausstattung ist diesmal ein Gedicht für sich. Wieder mit weißem Leinenkarton, sehr, sehr schönen Zeichnungen von Jörg. Irgendwie hat er sich hier selbst was Gutes getan. Außerdem verwöhnt er seine Leser diesmal mit einem Schutzumschlag (vierfarbig).

300 Seiten,