Jörg Bartscher-Kleudgen:
Die Rückkehr des Nachtmahrs

Alle guten Dinge kommen wieder... Eigentlich ist es ja gar nicht richtig, wenn ich hier von „guten Dingen“ schrei-ben, aber hätte ich in der Überschrift das Wort „schlecht“ verwandt, könnte man glauben, dies würde ein Verriß. Nein, das wird es nicht.
Jörg erlaubte sich einen weiteren Ausflug an die Stätte seltsamen Grauens, an einen Ort, den sein Held Ernst Heinrichs bereits besuchte, um dort das Fürchten zu lernen. Man erinnere sich, „damals“ - die Handlung des ersten Bandes spielte auch 30 Jahre früher - sahen wir uns durch die Augen dieses Venedigreisenden die Lagunenstadt an, und wir gerieten in unheimliche Geschehnisse hinein, die den Helden in den Wahnsinn trieben.
„Der Nachtmahr“ wies mit über 300 Seiten einen für einen Goblin Press Band recht großen Umfang auf. Dem Autor bot dies ausgiebig Platz, eigene Reiseerfahrungen mit den imaginären Eindrücken einer dem Untergang geweihten, von uralten Geheimnissen belasteten, morbid-zauberhaften Stadt zu verknüpfen und einen Mythos zu erfinden, den er nun wieder aufgreift.
Dreißig Jahre später reist wiederum ein etwas wunderlicher, die Einsamkeit liebender Mann namens Erich Stern nach Oberitalien. In einem mittelalterlichen Kloster findet er die Aufzeichnungen besagten Ernst Heinrichs. Diese dann kaum beachtend kommt er in dem verregneten Frühlings-Venedig an. Auch er erkundet die Stadt, diesmal allerdings nicht so ausführlich wie sein „Vorbild“, dennoch erlebt er ähnlich intensiv die schattigen, die mit Unheil drohenden Seiten der Stadt. Und er gerät teils unabsichtlich, teils aus Neugier in die Fußstapfen des Mannes, dessen Aufzeichnungen er las und die ihn immer mehr und über alle Maßen beschäftigen.
Natürlich begegnet auch er dem Nachtmahr, diesem Wesen, das die Stadt im geheimen beherrscht. Auch wie zu dem ersten Band, werde ich hier nichts weiteres zu dessen Erscheinungsbild und Präsenz verlauten lassen.
Alles geschieht in diesem zweiten Teil kompakter, wirkt dadurch auch dynamischer. Der Autor konzentriert sich mehr auf die Handlung. Allerdings dachte ich für einen Moment, daß er es sich auch recht einfach macht, dieselbe Geschichte einfach noch einmal erzählt, halt nur geraffter, mitunter aktionsreicher. Aber weit gefehlt! Die Überraschung kommt dann noch, und keine geringe. Die Lösung dieses unheimlichen Spiels erfährt der Leser in den letzten Kapiteln, aber aus der Retrospektive gesehen, deutet sie sich bereits sehr früh an; man muß halt nur die Zeichen richtig interpretieren.
Ein spannendes Leseerlebnis, auch für jemanden, der den ersten Teil noch nicht kennt, da die relevanten Bezüge sehr gut deutlich werden. Vielleicht kommt der Autor einem neuen Nachtmahr-Fan auch dadurch entgegen, weil er die Geschichte nicht ausufern ließ und der 100-seitige Text einen leichteren Einstieg ermöglicht.
Wiederum ist das Taschenbuch mit Illustrationen des Autors und einem farbigem Schutzumschlag ausgestattet; eine runde Sache!

102 Seiten,
(c) T.H., 12/99