Mit NEKROTIC legte die GOBLIN PRESS erneut eine liebevoll
aufgemachte Pappschuberedition vor, die es in sich hat. Stefan Pinternagel gehört
sicher nicht zu den populären Autoren, doch würde ich ihn schon ein
wenig als "Geheimtip" bezeichnen wollen. Auf alle Fälle gehört
er zur Gilde der "Neuentdeckungen 1996" auf dem weiten Gebiet der
deutschsprachigen Phantastik, von denen in Zukunft noch so einiges zu erwarten
ist. Neben einer Story in KOPFGEBURTEN (die aber auch hier abgedruckt wurde)
ist mir bis dato nichts weiter bekannt.
NEKROTIC ist zweigeteilt, den Hauptteil macht der Roman
"Im Netz. Schließen Sie sich an!" aus; quasi als Beilage bekommt
man noch das dünne Heftchen mit Kurzgeschichten mitgeliefert. Dieses ist
die Anschaffung sicher nicht wert, gibt aber Einblick in das Schaffen des Autors.
Der Hammer ist allerdings der Roman! Der Herausgeber ist
gar der Meinung, dies wäre zu schade für das Verlegen in der Smallpress
der GOBLIN PRESS. Nun, darüber kann man sicher geteilter Ansicht sein,
auf alle Fälle war ich sehr froh, daß ich diesen Roman hier lesen
konnte. Allerdings fällt er durchaus aus dem Rahmen der GOBLIN PRESS. Es
handelt sich um einen astreinen SF-Roman, also um keine Dark Fantasy a lá
Poe & Lovecraft, wie bei GP zu erwarten wäre. Selbstverständlich
darf man nun aber keine positive Utopie und Strahlemann-SF aus dem ST-Universum
erwarten. "Im Netz" steht da schon eher in der Tradition von "Bladerunner"
und des Cyberpunks; vielleicht sogar in der Tradition der schwarzen SF-Comicwelten
eines Bilal etwa.
Der Leser wird entführt in eine nahe Zukunft, in der
er die Welt in einem Maße umgestaltet findet, wie es aus heutigen Entwicklungen
durchaus möglich erscheint. Schauplatz des Geschehens ist Moskau. Rußland
ist die Weltmacht Nummer 1, quasi aus dem Verfall der übrigen Welt auferstanden
wie Phönix aus der Asche. Moskau ist keine gleißende Zukunftsmetropole,
aber das Leben in dieser Stadt ist auf alle Fälle für Europäer,
Afrikaner und Amis um ein Vielfaches attraktiver als in ihrer jeweiligen Heimat.
Die heutigen Großmächte sind zerfallende Rudimente ihrer einstigen
Größe. Innovationen gehen noch von Afrika und Asien aus, deren Lebensstile
schwappen auf Europa und die GUS über.
Wie der Titel vermuten läßt, spielt die Allgegenwart
der Computernetze eine gewichtige Rolle. Es wurde staatlicherseits als psychologisches
Macht- und Überwachungsinstrument ausgebaut.
Der Held unserer Geschichte ist ein Vertreter dieser Netzfirma,
die dafür Sorge tragen soll, daß sich die gesamte Bevölkerung
die entsprechenden Adapter zulegt. Polizeitechnisch hat dies den großen
Vorteil, daß regelmäßig die Gehirn der Angeschlossenen abgetastet
werden und somit kein Verbrechen unaufgedeckt bleiben würde. Dies ist sicher
ein enormer Fortschritt bei der Verbrechensbekämpfung, daher werden auch
alle Anstrengungen unternommen, um eine 100%ige Flächendeckung zu erreichen.
Besagter Held ist ein Zugewanderter, ein Deutscher, der
dem Elend seiner Heimat entfloh, um in Moskau sein Glück zu machen. Er
hat sogar vergleichsweise viel Glück, hat seinen Job, eine Wohnung, einen
Netzanschluß und nun auch einen russischen Namen: Andrej.
Neben einer Liebesgeschichte wird auch ein Krimi erzählt.
Andrej hat die Gelegenheit, unzensierte Netzeinspeisungen zu genießen.
Man muß dazu wissen, daß im Netz - gegen Gebühr - Erlebnisse
abgerufen werden können, auch krimineller und perverser Art, doch sind
die immer modifiziert, und zwar dermaßen, daß dem Konsumenten Schuldgefühle
entstehen, so daß man keine Gelegenheit hat, sich mit den Tätern
zu identifizieren. Drei Fliegen mit einer Klappe werden geschlagen: Aggressivität
kann abgebaut werden, wobei der erzieherische Effekt nicht zu kurz kommt und
Geld kann man damit auch machen. Nunmehr kann Andrej also ungeschnittene Erlebnisse
von Kriminellen in sich aufnehmen. Wie das endet, brauch' ich hier bestimmt
nicht anzudeuten...
Stefan Pinternagel ist sicher kein fertiger Autor; ich hätte
mir mitunter weniger Didaktik, dafür mehr Arbeit am Plot gewünscht,
doch die sprachliche Meisterung, die teilweise wundervollen Formulierungen und
der absolut stark ausgebaute Hintergrund (Politik, Medien etc.) sind eine Messe!
Natürlich ist es auch sehr interessant, mal keine anglo-amerikanische Szenerie
geboten zu bekommen. Diese heute schon in Rußland spürbare Mischung
aus hoheitsstaatlichem Postsozialismus und einer erneuten ursprünglichen
Akkumulation des Kapitals in seinen archaischsten Formen trifft der Autor auf
den Punkt. So weit ich dies nachvollziehen kann, sind die fremdsprachlichen
(russischen) Einschübe richtig.
Fazit: Unbedingte Leseempfehlung.
Zwei Hefte im Pappschuber (DIN A5, 76 und 24 Seiten), Illustrationen von Thomas Hofmann, .