Michael Siefener: Nonnen
(Goblin Press ’98)

Dieses Buch ist ein Spiegel. Die Seele, die sich darin spiegelt, kommt mir ein wenig bekannt vor... Andererseits ist es das ganz persönliche Buch des Autors, sein ureigener Seelenspiegel.
Die Novelle erschien zuvor in einer sehr kostbaren Kleinstauflage im Verlag des Hubert Katzmarz. Dessen bibliophile Ausgabe ist sicherlich eine diesem Stoff angemessene Form, jedoch bin ich sehr froh, daß sie in der Goblin Press nun noch einmal in erschwingliche, nicht weniger ansprechende Form gebracht wurde, denn sie hat es nicht verdient, im Verborgenen zu bleiben.
“Das ist es!” konnte ich mehrmals ausrufen, als ich in diesen Seiten schwelgte! Ja, mitunter fühlte ich mich auch so wie Benno, entfremdet von dieser Welt, meine seelische Zuflucht in den düsteren & farbenprächtigen & phantastischen Welten fern von der alltäglichen Tristes suchend und findend.
Der “Held” ist keiner, eher ein Looser - für viele sicher - ein Romantiker - für die Wenigen.
So muß man - so auch die Handelnden in dieser Novelle - mit einem gewissen Grad des Unverstandenwerdens leben. Vielleicht ist in dieser Hinsicht die Novelle aber auch als eine undidaktische Warnung vor der Weltflucht zu verstehen, denn hier werden die Konsequenzen einer solchen Suche eindringlich beschrieben: Gesuchtes Seelenheil wird zum Wahnsinn.
Die Novelle ist gekennzeichnet durch drei Faktoren, die sie lesenswert macht. Zum einen fällt der enorme persönliche, nahezu autobiographische Bezug der Rahmenhandlung (ich hoffe, nur in Aspekten...) auf und ins Gewicht. Der kafkaeske Versicherungsangestellte und ehemalige Jurastudent, der nur äußerst widerwillig seinem Broterwerb nachgeht, und viel, viel lieber in seinen Phantasien schwelgt, selbst phantastische Geschichten schreibt, die anderen, so sie sie lesen können, als Horror und befremdlich erscheinen müssen, ist der Autor der Novelle selbst. Wenn man Michael Siefener ein wenig kennt, stellt man viele Parallelen zwischen der fiktiven Vita seines “Helden” und seiner eigenen Biographie fest; dies geht hin bis zu ersten eigenen Lektüreerfahrungen.
Zum Zweiten beeindruckt die Verschachtelung der Handlung. Die Novelle wartet mit einer doppelten Rahmenhandlung auf. Dies erscheint kapriziös, ist aber nicht nur ein künstlerischer Trick, kein bloßer l’art pour l’art-Effekt, sondern immanent wichtig für den Plot. Der verhinderte Autor, der dem realen Kafka gleich tagsüber seinem ungeliebten und öden Bürojob nachgeht, schreibt derzeit nach dem Dienst an einer Geschichte - nur für sich. Nur widerwillig gibt er seine Texte einem Kollegen zum Lesen, der sie zwar toll findet, aber wohl nicht versteht. In der Story des Autors trifft sein Protagonist jemanden, der diesem wiederum eine Geschichte erzählt. Dies könnte ein verwirrendes Element sein, ist aber mehr; es soll Ferne zwischen Autor uns seinen erfundenen Personen suggerieren, von der der Autor auch selbst überzeugt ist. Doch natürlich ist es nicht an dem; was der Autor gerade “erfindet”, beschreibt Vorgänge, in der er urselbst involviert ist, mehr als ihm lieb sein kann...
Zum Dritten ist der Text einfach nur spannend. Man erlebt fiebernd mit, wie weit diese Verstrickung aus Fiktion und scheinbare Realität (die ja auch nur Fiktion ist - hoffentlich - für den Autor dieses Buches...) geht, wieso es passieren kann, daß erfundene Vorgänge real werden - bzw. schon immer real waren...
Im Kern der Novelle wird die Spurensuche nach einem Rätsel erzählt. Da gibt es ein Grab von vier Nonnen, die alle am selben Tag gestorben sind. Just for fun beginnt einer der Protagonisten, nach der Todesursache zu forschen und begibt sich dabei in unheimlich-schwarze Gefilde. Die Nonnen waren nicht sonderlich fromm, wie’s ausschaut. Hier wird das Unheil nur angedeutet, denn eigentlich ist des Rätsels Lösung gar nicht so wichtig. Wichtiger ist das Rätsel um den Autor der Story: Wieso erfindet er hier Dinge, die sich dann in seinem realen (natürlich doch nur fiktiven ...?) Leben wiederfinden?
Die Spur führt zu einem Tagebuch einer der Nonnen (aus dem die blasphemischen Unsäglichkeiten ihres Tuns hervorgehen) - in der inneren Handlungsebene, und es findet sich in der äußeren Rahmenhandlung wieder...  Die Erlebnisse seiner erfundenen Person sind die eigenen. Hmm, habe mich jetzt sicher unklar ausgedrückt, aber ich will auch nicht die Freude am eigenen Erkunden dieser bizarren Welt verderben. Man findet sich raus und vielleicht auch wieder. Es gibt auch eine Auflösung dieses Rätsels, nur darf man kein happy end erwarten.

Taschenbuch mit Schutzumschlag und Illustrationen des Herausgebers (Engel von Gräbern), 140 Seiten,