Arnold Reisner: Phantastica Obscura
(Goblin Press, 1999)
Die Rezension zu diesem Buch benötigt
keinen eigenen Titel; der Buchtitel spricht für sich! Mit den seltsamen
Geschichten des Arnold Reisner konnte sich in der Vergangenheit auch der SOLAR-X-Leser
vertraut machen. Außerdem wurde der Rezensent nicht müde, immer wieder
auf Publikationen des Österreichers hinzuweisen. Ein Buch aber, ein eigenes
Buch von ihm gab?s bis dato nicht!
Die Goblin Press hat sich der düsteren
Phantastik verschrieben, ist aber auch hin und wieder für ein Experiment
zu haben. Arnold schreibt sicher auch Weird Fiction, aber bei weitem nicht nur;
seine Erzählungen dürften ohnehin schwer kategorisierbar sein. Nun,
das ist auch sicher nicht vonnöten.
Sieben Stories an der Zahl sind hier versammelt.
Sie geben einen guten Überblick über das ?uvre des Autors. Für
meinen Geschmack waren allerdings die Texte, die mir besonders von Arnold gefallen,
in der Minderzahl. Der ?Hammer? für mich war eindeutig ?Blaue Wände,
Graue Träume?. Hier trifft der Leser eine alte Bekannte, Lilly Leiche,
die Ausgestoßene, ein Goth Punk Mädchen, wieder. Irgendwie ist sie
reifer geworden. Der Autor entspinnt eine reichhaltige Gefühlswelt - seiner
?Heldin? und ihrer Freundin Cleo. Letztere fühlt sich von den sagenhaften
Bergbewohnern angezogen. Die Crodères sind gefühlskalte Höhlenbewohner,
die vom Alltag der Menschen abgeschottet in Reichtum und Gleichmut leben. Lilly
folgt ihrer Freundin nicht, auch wenn sie die Welt ankotzt. Sie bekennt sich
zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Unbilden des (über)irdischen
Lebens. Irgendwie liest sich die Story wie ein Selbstbekenntnis des Autors zu
einem anarchistischen, weltverlorenen, aber gefühlsreichen Weltbild?
Mich faszinierte die Story vor allem wegen
ihrer Aussage, aber auch ob ihrer Tiefsinnigkeit, die unabhängig vom Plot,
der eine fast untergeordnete Rolle spielt, anspricht. Ich denke, so was muß
man schreiben können, ist sicherlich der schwierigere Part des Schriftstellerns...
Davon hätte ich mir gerne mehr gewünscht!
Auch vermißte ich eine oder noch eine Endzeitstory (die mit dem satanischen
Panzerzug, der von den Heerscharen des Himmels angegriffen wird...).
Na gut, schauen wir einmal, was wir noch
so in dem Bändchen finden.
?Wellen-Brecher? ist Seemannsgarn reinsten
Wassers; erinnert etwas an Hodgson. Es geht um einen alten Leuchtturm und seinen
ebenso alten Wächter. Diese werden mit einer alten Piratenlegende konfrontiert,
die sich erfüllt in der Begegnung mit dem toten Piratenkapitän.
?Bittere Medizin? ist eine geisterhafte
Rachegeschichte, die in ihrem Plot den bizarren Stil des Arnold Reisner deutlich
macht. Viele Dinge bleiben aber angedeutet und im Unklaren, so daß sie
den Leser ein wenig unbefriedigt zurückläßt.
?Mysteria-Hysteria? dürfte ja nun
auch wieder Programm sein für Arnold. Hier schlägt er auch einen etwas
anderen Ton an. Es handelt sich um eine Satire. Der Protagonist ein krankhafter
Pendant, der darüber wahnsinnig wird, daß er einen Akt seiner üblen
Ordnungsliebe nicht beenden kann.
In ?Feuchte Erde? wird ein böser
Junge von einem diabolischen Priester gemaßregelt. Es entspinnt sich ein
psychotisches Drama, dem der Rowdie unterliegt. Sympathie kann man aber für
keinen der beiden entwickeln.
Bei ?Diner?o Infam?o? handelt es sich
um einen kleinen Zyklus aus Short Stories, deren Titel Begriffe aus einer Speisekarte
zieren. Und es geht auch oft um das Essen, in direkter, aber auch abgewandelter
Form. Eine schmackhafte Idee! Mal ?vernascht? eine ältere Frau einen jugendlichen
Verführer und seine Kumpels, ein andermal wird ?die Spezialität des
Hauses? von S. Ellin variiert, eine andere Geschichte erinnert an Roald Dahl,
dann verirrt sich ein Kurierfahrer, der eine mörderische Pizza ausfährt,
in einem Labyrinth, das er leider auch nicht mehr lebend verlassen kann.
?Glasmusik? entläßt den Leser
aus dem Erzählungsband mit einer traurigen, melancholischen Weihnachtsstory,
die der Autor an einem Weihnachts- und einem Silvesterabend verfasste - und
in der er sicher auch eigene Erfahrungen verarbeitete. Ein Autor phantastischer
Geschichten sitzt allein in dieser seelisch verfänglichen Zeit in einem
Kaffehaus und wird von zwei seiner von ihm erfundenen Figuren besucht, die ihn
auffordern, sie nicht zu vernachlässigen.
Der Autor nimmt sich auch was vor; die
Story erfährt eine fast hoffnungsvolle Wendung. Doch ein wenig später
gibt es einen Bruch, der irgendwie logisch nicht so recht nachvollziehbar ist,
den Leser aber mit einem flauen Gefühl in der Magengegend zurückläßt.
Sehr schön, daß am Ende noch
der Herausgeber den Autoren ein wenig befragt und ein paar von Arnolds Zeichnungen
präsentiert. Eine runde Sache, wenn auch noch nicht 100%ig vollkommen.
Ich hätte mir mitunter längere, ausführlichere Geschichten gewünscht,
die weniger auf eine Pointe hingeschrieben wurden, dafür aber mehr Feeling
?rüberbringen.
1.Aufl. 100 Exemplare, Paperback, Illustrationen
von Jörg Kleudgen und Arnold Reisner, 150 Seiten,
(c) T.H., 12/99