Mirko
Stauch: Aus dem Schatten
Es ist schon wieder gut ein Jahr her,
daß ich auf den Namen Mirko Stauch gestoßen bin. Ich konnte mich
nur noch so blaß an seine Story in dem Magazin The Gothic GRIMOIRE 3/1996
erinnern, die doch gar keine "richtige Story" gewesen ist, und die
mir seinerzeit nicht so dolle gefiel. Daher ging ich doch etwas skeptisch an
sein Taschenbuch heran, das nun Ende 1997 in der GOBLIN PRESS erschien. Und
nun? - Ja, jetzt wundere ich mich, daß seine Erzählungen mir nicht
schon anderweitig aufgefallen sind! Es mag daran liegen, daß der Autor
einfach nicht so produktiv ist - rein mengenmäßig betrachtet - und
er daher nicht diverse einschlägige Fanzines mit seinen Texten überfluten
konnte. Doch mag ihm dies vielleicht auch zum Vorteil gereichen, denn qualitativ
ist das, was man in diesem kleinen Büchlein findet, sehr beachtenswert.
Ich begann mit der Lektüre mit der
Titelgeschichte - ein guter Griff; man wird noch sehen, warum.
Der Autor wagt sich in "Aus dem Schatten"
an ein problematisches Thema heran: die Judenverfolgung in der Nazizeit. Eigentlich
ist das so noch nicht mal richtig, denn die Geschichte entwickelt sich auf zwei
Zeitebenen, einmal lernen wir mit den Augen eines kleinen jüdischen Jungen
die Greuel der Naziverfolgung kennen und nur mühsam verstehen, zum anderen
erleben wir, wie dieser damals kleine Junge heute mit seinen Ängsten aus
der Kindheit und neu dazugekommen fertig wird. Und: Dabei handelt es sich auch
noch um eine phantastische Geschichte. Da liegt auch der Grund, weshalb ich
der Story eine gewisse Problematik unterstelle - man könnte eventuell ein
Problem mit der Rezeption haben, da dieser wunde Punkt in der deutschen Geschichte
nicht gerade dazu einlädt, irgendwelche Verrücktheiten auszutoben.
Aber das macht Mirko nicht! Er behandelt
das Thema mit angemessener Feinfühligkeit und Fingerspitzengefühl,
wird dabei nicht unnötig polemisch oder didaktisch und versteht gleichzeitig,
den Leser in den Bann schlagen und in spannende Erwartung zu versetzen. Ein
ganz großes: Bravo! Die Story habe ich dann auch gleich zweimal gelesen...
Worum es eigentlich geht? Nun, besagter
jüdischer Junge kann nur schwer begreifen, was um ihn herum vorgeht; er
begreift die Verschleppung seiner Angehörigen als Tat dunkler Monstren.
Als er selbst von SS-Schergen ertappt
wird, hilft ihm ein Wesen "aus dem Schatten". Sicher, das riecht nach
einem typischen deus ex machina; dramaturgisch von recht zweifelhaftem Charakter.
Doch schafft es der Autor durch seine Erzählweise, das Auftreten dieses
phantastischen und außerhalb der historischen Realität stehenden
Über-Wesens geschickt einzubauen. Es stört nicht, es ist unabdingbarer
Bestandteil dieser feinen, melancholischen Geschichte.
Nach soviel Lob nun ein Dämpfer:
Der opener, "Der Windmann", konnte mich bei weitem nicht überzeugen.
Mir erschien diese Geschichte um einen mysteriösen, schwarz gekleideten
Mann, an dessen Jacke nicht der stürmische Wind zerrt wie bei allen anderen
normalen Leuten, eher wie eine Ideenskizze für eine richtige Geschichte.
Was passiert? Eigentlich nicht viel; da erscheint dieser Mann und löst
sich vor den Augen eines erstaunten Erzählers in davonfliegende Blasen
auf. Hmm...
Dafür sind "Wenn es dunkel wird"
und "In den Tiefen der Meere" herrliche dark fantasies der besseren
Art. Hier machte das Lesen wieder Spaß, auch wenn die Plots in erster
Linie von den jeweils genau geschilderten Schauplätzen leben. Einmal ist
es der Horror einer (vielleicht wirklich existierenden) Garten- und Maueranlage
einer alten Stadt im mitteleuropäischen Raum, zum anderen die Tiefen der
Ozeane. Zum einen scheint die recht genaue Recherche lokaler Sagen für
gelungene Gruselstimmung zu sorgen, das andere Mal die Tatsache, daß wohl
erst ein geringer Bruchteil der Tiefen der Weltmeere erforscht ist. In beiden
Fällen fällt die detaillierte und authentische Hintergrundzeichnung
auf. In "In den Tiefen..." ist es auch die Figurenzeichnung, die mich
überzeugte. "Wenn es dunkel wird" besticht zudem durch ihren
märchenhaften Stil - zugegebenermaßen ist es ein recht dunkles Märchen...
"Leviathan" schien anfänglich
ein 08/15-Weird Tale zu sein. Der Protagonist träumt von einer unheimlichen,
seltsamen Stadt. Das hat man so oder so ähnlich vielleicht schon des öfteren
gelesen. In Träumen ist ohnehin alles möglich, was mich eigentlich
nur selten als Plot überzeugt. Doch hier geht es um das Träumen selbst;
natürlich auch um den Inhalt, doch der erscheint immer mehr nur als Metapher
für den Seelenzustand unseres Protagonisten. Es ist also nicht so sehr
spannend, was er da träumt, sondern wie er mit seinem Leben und seinen
Träumen, die natürlich miteinander zusammenhängen, fertig wird.
Der Herausgeber schreibt in seinem Vorwort,
daß dieser Band eine Sammlung "..von sehr ursprünglichem Charme..."
ist, und erst "...die Kritik (...) zeigen (wird), an welcher Stelle in
Zukunft ein Schliff vonnöten sein wird." Ersterem kann ich nur beistimmen.
Was ich mir für die Zukunft wünsche, sind ausgefeiltere Handlungen.
Mitunter sind die Plots zu schnell voraussehbar; gerade bei den beiden längeren
Erzählungen fällt dies auf.
Trotz dieser aus meiner Sicht anzumerkenden
Kritik möchte ich in Zukunft mehr von Mirko Stauch lesen!
(c) T.H., 9/98