
Jörg Kleudgen: „Stella Maris“, 2011
Welch Überraschung: Die Goblin Press lebt! Als ich das hörte, machte ich einen Luftsprung.
Die Geschichte dieses kleinen Verlages ist eng mit der Geschichte der
Horrorliteratur in Deutschland verbunden. Ich muss lange nachdenken,
damit mir Beispiele deutschsprachiger Horrorbücher vor 1990
einfallen. Natürlich gibt es die Großen Namen, angefangen
mit Hoffmann, über Meyrink, Ewers und die 20er Jahre. Doch in der
modernen Unterhaltungsliteratur dominierten die anglo-amerikanischen
Importe, mehr noch als in der SF. D.h., stimmt nicht ganz, denn
es gab ja die Heftromane.
Und es entwickelte sich ein Fandom. Es gab Fanzines. Im Westen
Deutschlands existierte wohl bereits eine kleine Gemeinde der Liebhaber
grusliger Unterhaltung, im Osten fand so etwas so gut wie gar nicht
statt.
Meine persönliche Bekanntschaft mit dem Genre, Anfang der 90er
Jahre, fiel zusammen mit einem enormen Aufschwung, der im Fandom mit
diversen Publikationen begann und sicher mit dazu beitrug, dass
mittlerweile auch ernst zu nehmende und relativ gut verkaufte
Bücher deutsch-sprachiger Autoren auf diesem Sektor erscheinen.
Einige von ihnen lernte ich in der Goblin Press kennen und
schätzen.
„Stella Maris“ von Jörg Kleudgen ist das erste
Büchlein seit ca. knapp 6 Jahren, nachdem der kleine Verlag seine
Pforten schloss, und es soll keine Eintagsfliege bleiben.
Es handelt sich um eine längere Erzählung, eine Novelle, die
in sich abgeschlossen ist. Ich möchte sie als mythische
Liebesgeschichte bezeichnen.
Ein nach Erholung, Abgelegenheit und Ruhe Suchender fährt an die
See. Dem Kontext, vor allem dem angedeuteten Dialekt der Einheimischen
des kleinen Küstendorfes kann man entnehmen, dass es sich wohl um
die Nordsee handelt. Doch genau definiert wird dies nicht.
Überhaupt ist der Stil, die Erzählweise von Jörg
meistens unbestimmt, unzeitgemäß, nicht zeitgebunden, damit
auf eine überzeugende Art zeit- und raumlos allgemeingültig.
Die Flucht der Hauptfigur vor den Unbilden seines Lebens wird zur
Flucht vor der Moderne.
Der Protagonist trifft eine geheimnisvolle Frau, die von einem Mythos
geplagt und unterworfen ist. Doch weil sie wie er einsam in dem Ort und
in der Welt ist, kann er sich nur in sie verlieben.
Es geschehen seltsame Dinge, Geschichten werden angedeutet, auch die
Umstände, die den jungen Mann an die Küste trieben und die
mit einem missglückten chemischen Experiment zu tun haben, in dem
eine mysteriöse Substanz aus den Tiefen des Meeres eine Rolle
spielt. Doch das alles ist nicht wichtig, denn die traumhaften
Ereignisse um eine alte Tradition, ein altes, nur alle 30 Jahre
stattfindenden Fest – die Hochzeit mit dem Meer – nehmen
die Aufmerksamkeit des Mannes und des Lesers in Beschlag.
Die Geschichte endet... tragisch? Vorherbestimmt? So wie die gesamte
Geschichte eine physisch fühlbare Melancholie durchweht, so endet
sie auch.
Immer wieder hat der Leser von Jörgs Geschichten den Eindruck, er
erzählt von sich. Zu diesem Eindruck führt auch der Umstand,
dass er seine eigenen Reiseerlebnisse und alltäglichen
Beobachtungen bewusst einfließen lässt. Mitunter tragen
seine Erzählungen tatsächlich Reisetagebuchcharakter; ob es
sich dabei nun um Venedig, die Nordsee, oder das nicht existierende
Cathay handelt.
Jörg verleiht dem Alltag, der offensichtlich wahrzunehmenden
Umwelt einen mythischen, von Geschichte und Geheimnis erfüllten
Sinn, damit Tiefe. Ein Nebeneffekt des Lesens Kleudgen'scher Texte kann
es sein, dass man sein eigenes Umfeld, sein eigenes Leben dadurch
anders sieht. Das klingt überzogen, pathetisch? Nun, ja, man
möge es ausprobieren.
Traum und Wirklichkeit sind verwoben und deren Unterscheidung spielt in
den geschilderten Verwicklungen keine nennenswerte Rolle. Hier steht
Jörg in der Tradition, in der die gesamte Goblin Press stand: Von
E.A. Poe und Lovecraft. Wie meinte Poe in seinem berühmten
Gedicht:„Is all that we see or seem | But a dream within a
dream?“
Die Erzählung steht voll in der Tradition der weird tales (so auch
der Untertitel des allerersten Goblin Press Heftes „R'lyeh“
von 1990). Dies äußerst sich auch in Versatzstücken,
die wir bei den amerikanischen Vorbildern auch finden, so z.B. eine
Bibliothek geheimnisvoller Bücher, zum Teil realer, zum Teil
erfundener, die allein durch ihre Nennung eine Atmosphäre des
Gefährlich-Mysteriösen erzeugen. Jörg nutzt dieses
Element, um auf Werke seiner Autorenkollegen aufmerksam zu machen:
Michael Knoke, Uwe Voehl und Tobias Bachmann, was für den Kenner
natürlich ein besonderes Bonbon darstellt.
Wichtiger ist aber, dass der Leser nicht damit rechnen darf, die
letzten Geheimnisse enthüllt zu bekommen. Sicher nicht gerade
fortschrittlich, aber mitunter richtig erscheinend ist die Grundthese
der unheimlichen Phantastik, dass es besser ist, nicht alles zu wissen.
Wenn ich über das neue Goblin Press Buch spreche, so muss ich auch
dessen Gestaltung erwähnen, die alles andere als üblich ist.
Auch hier greift Jörg auf Ursprüngliches zurück. Das
Buch entstand durch Handarbeit. Es besteht aus gefalteten, einseitig
bedruckten Seiten, die gefaltet zusammengeheftet wurden mittels einer
stabilen Rückenklammer. Die Seiten erscheinen dadurch dick und
fest. Eingeschlagen wurde das Buch in schwarzem Karton und wurde mit
einem illustrierten Umschlag versehen. Die Seiten sind nicht nummeriert
und der Autor hat einige Illustrationen beigesteuert, die – nehme
ich an – durch hohen Kontrast verfremdete Photos sind.
Allein die Art der Herstellung sorgt dafür, dass die Auflage sehr
klein blieb. Es gehört sicher keine große prophetische
Gabe dazu, wenn man hier ein zukünftiges Sammlerstück
vermutet.
Thomas Hofmann, im März 2011