Michael Knoke: Sturmwanderer, oder Die Kinder des Unnennbaren

Lange war dieser Roman angekündigt, lange mußte ich darauf warten. Bereits in der vierbändigen Heftedition „Des dunklen Träumers Wiegenlieder“ (1996) von Michael Knoke (siehe dazu meine Rezi in SX 82) gab der Autor in einem Interview Einblick in den Plot dieses Buches, das nun also vorliegt - übrigens wieder in ansehnlicher Ausstattung, als mit Leinenpapier und Heißklebebindung gebundenes Taschenbuch, plus vierfarbigem Schutzumschlag. Die Illustrationen besorgte wiederum der Herausgeber der Goblin Press, die aber (zumindest die Innenillus) recht verschwommen und irgendwie „unklar“ wirken. Das mag allerdings Absicht sein, schließlich würden reine romantisch-dunkle Landschaftsimpressionen den Inhalt nur ungenügend unterstreichen. - Auf dem Cover prangt ein Oktopode. Ob er etwas mit dem Buch zu tun hat? Man wird sehen...
Der Autor wagt Großes, er greift tief in Zeit und Raum hinein, wagt einen fast kosmologischen Entwurf, der ein wenig an die philosophische Phantastik eines Olaf Stapledon erinnert. Und als würde dies nicht genügen, versucht er auch noch die Kombination verschiedener Subgenres des Phantastischen. Das Ergebnis möchte ich als Weird Science Fantasy bezeichnen: Der Cthulhu-Mythos erhält eine „wissenschaftlich-phantastische“ Erklärung, erzählt vor dem Hintergrund einer handfesten Orwelliade.
Was das sein soll? Gut, der Reihe nach.
Irgendwann, fünf Milliarden Jahre nach einer zunächst nicht näher beschriebenen „Großen Katastrophe“, fegt ein Orkan durch ein steinzeitliches Dorf inmitten einer steinigen Wüste, dem Rauhland. Während dieses Unwetters kommt ein Fremder ins Dorf, der von den Bewohnern, den Sandsteinleuten, aufgenommen wird, auch wenn sie ihm natürlich distanziert gegenübertreten.
Und er beginnt zu erzählen - von sich und von Ereignissen, die vor fünf Milliarden Jahre stattfanden. Warum der Autor so große zeitliche Sprünge macht, ist mir nicht richtig klar geworden; um mutagene Veränderungen in der Natur zu begründen, bräuchte man diesen Trick nicht.
Die Rahmenhandlung bildet einen gelungenen, einfach herrlichen Einstieg in den Roman. Doch wurde die Euphorie dann zunächst gebremst.
Wir sind nicht auf der Erde, die Welt, der Handlungsort ist Nitor, irgendwo im Aldebaransystem. Der Sturmwanderer, so nennt ihn der Autor später, berichtet von einem Schreckensregime auf diesem Planeten. Die Siedlungen der Bewohner Nitors sind riesige Türme unter einer Halbkugel, die die bewohnbare Hemisphäre vor den unwirtlichem Klima schützt. Die Herrschenden regieren über sogenannte Nichtbürger; ihre Gehilfen sind die Gesichtslosen und Kampfdrohnen - Stereotypen halt.. Klar, die Nichtbürger haben keine Rechte, sind geklonte Menschen, die sich nicht einmal als „Mensch“ bezeichnen dürfen. Sie sind Arbeitssklaven, die in Blocks wohnen. Ihr Leben gleicht einer ewigen Lagerhaft. Sie werden als „Inventar“ bezeichnet und behandelt. Erzeugt werden die Nichtbürger aus einem Plasma in Gen-Tech-Centren.
Held der Geschichte ist der junge Nichtbürger, der eigentlich keinen richtigen Namen hat, der uns schon in der Rahmenhandlung als Sturmwanderer begegnete. Er erzählt die Story, aus seinem Blickwinkel können wir diese dystopische Welt erkunden. Allerdings bietet sie zunächst nicht sehr viel Innovatives; irgendwie habe ich so etwas schon viele Male gelesen.
Aber es gibt natürlich ein paar Dinge, die aufmerken lassen: Da ist z.B., den Dunkelstern, der im flammenden Sonnenlicht am Horizont prangt; da ist Neraya, seine Freundin seit vielen Jahren, mit der er Liebe und Sexualität entdeckt, obwohl dies Nichtbürgern eigentlich nicht mögliche sein sollte. Sie gab ihm auch einen Namen - Citrah, obwohl das Nichtbürgern verboten ist.
Und da ist der ominöse „Schatten“, der in ihm ist, und dessen Gegenwart er sich nicht erklären kann.
Daß mit Citrah etwas nicht stimmt, wird dann noch deutlicher, als man ihn für eine besondere Mission auswählt. Er scheint überaus resistent gegenüber jeglichen Umwelteinflüssen zu sein, vielleicht sogar unsterblich. Das prädestiniert ihn, um in die für Menschen unzulängliche Tote Zone zu gelangen. Dahin reicht nicht der starke Arm der Herrscher über Nitor, irgendetwas schirmt alles ab. Citrah soll erkunden, was es ist.
Natürlich geht die Mission schief - zumindest für die Herrschenden. Citrah tritt statt dessen eine Reise zu seiner wahren Identität an - und hier wird der Roman einfach großartig, wie ich finde!
Es gibt eine Widerstandsorganisation, die sich aus Nachkommen verstoßener Nichtbürger und der irdischen Muslime, Hindi und Sikhs bildete. Ja, das kommt dem SF-Kenner bekannt vor, aber der Autor entwirft hier eine eigenständige Gesellschaft, die mit zunehmender Seitenzahl vertrauter wird, aber gleichzeitig fremdartig und exotisch bleibt, um die Erwartungen wach zu halten. Auch Citrah hat so seine Probleme mit den nekrophilen Gebräuchen der Bewohner der Toten Zone, die für sie Leben bedeutet.
Citrah wird mit der Entstehungsgeschichte dieses Volkes vertraut gemacht. Der Autor hat den gegenwärtigen, irdischen Gegensatz zwischen der westlichen und der asiatischen Welt in eine ferne Zukunft extrapoliert. Dies tat er in einer Art und Weise, die mich an den Zukunftsentwurf von H.G. Wells in seiner „Zeitmaschine“ denken ließ, in dem Eloy und Morlocks die Nachfahren von Bourgeoisie und Proletariern des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind.
Es gibt erstaunliche Geheimnisse, die im Inneren dieser - und anderer! - Welt(en) ihrer Entdeckung harren (daß hier gleich eine Singularität bemüht wird, halte ich für übertrieben und für den „harten“ SF-Fan ein arge Herausforderung an seine Toleranz; vielleicht hätte sich hier der Autor etwas zurückhalten sollen - mitunter ist weniger mehr).
Natürlich ist Citrah Schicksal auf das engste mit der „Wesenheit“ im Innern des Planeten verbunden. Michael Knoke versteht es meisterhaft, mittels einer barocken, romantisierenden Sprache eine fulminante Geschichte zu erzählen.
Es geht um Unsterblichkeit, um die Großen Alten, um uralte Kulte. Citrah - und damit auch der Leser - erfährt durch eine Art Initiationsritual und durch die Erzählung des cthulhuiden Schläfers von sich, von den Geheimnissen, die diese Welt birgt, dem Weltgefüge, einer undenklich langen Evolution und von der Herkunft des Plasmas in den Gen Tech Labors. Nun wird auch klar, daß das oktopoide Wesen auf dem Bucheinband nicht ganz umsonst darauf prangt.
Auch wenn zum Ende des Romans einige schreckliche Dinge geschehen, die ein happy end in Frage stellen, so geht die Geschichte gut aus, und sie ist nur der Auftakt für einen Sturm des Lebens.
Nach einem brillanten Einstieg und einer eher langatmigen, weil zu sehr klischeebehafteten Beschreibung der dystopischen Gesellschaft auf Nitor, kommt der Roman in Fahrt und reißt mit, ist spannend, bizarr und überaus wortmalerisch geschrieben und spricht auch den Sinn für das Mystische an.
Eine der stärksten Seiten des Buches ist die Sprache; ihre Schönheit zieht den Leser in ihren Bann, auch wenn ihr mitunter der Fortgang der Handlung ein wenig zum Opfer fällt. Aber dies stört keineswegs, die langen, verschachtelten Schilderungen sind einfach faszinierend.
Für mich hat sich die Lektüre sehr gelohnt und ich kann sie nur jedem innigst empfehlen!

250 Seiten,
(c) T.H., 10/98