The House Of Usher
Irgendwann 1990/91 lernte ich die Publikationen eines kleinen
Verlages für unheimlich-phantastische Literatur kennen, der sich vornehmlich
den Arbeiten mehr oder weniger unbekannter deutsch-sprachiger Autoren annimmt,
die ihre Stories im Stile Poes und Lovecrafts verfassen. Diesen Small-Press-Verlag
gibt's übrigens immer noch, Goblin Press heißt er.
Später entdeckte ich für mich die musikalischen
Welten des Gothic und der Dark Wave; angwidert von dem immer gleichen Gedudel
der sog. freien Sender, die sich wohl nur ungerne auf musikalische Experimente
einlassen, kamen mir die Klänge von Bands wie Dead Can Dance, The Fields
Of Nephilim, The Mission, Garden Of Delight, aber auch von Clock DVA wie Offenbahrungen
vor - ja, sicher, das sind wohlbekannte Highlights der Szene, inzwischen konnte
ich mich bereits mit anderen Vetretern derselben vertraut machen. Diese Musik
ergänzte auch quasi meine literarischen Vorlieben auf ideale Weise. Voller
Euphorie schrieb ich von meinen "Entdeckungen" auch an den Verleger
der Goblin Press, Jörg Kleudgen, nicht ahnend, daß er selbst ein
Goth ist, selbst ein Fanzine herausbrachte, daß sich mit der Musik der
"Schwarzen" beschäftigt (inzwischen ein Profzine: GOTHIC) und
selbst in einer Gothic-Rock-Band mitspielte. Das war natürlich eine Überraschung!
Man verzeihe mir diese persönliche Einleitung, doch
erklärt diese vielleicht ein wenig mein immer noch anhaltendes Erstaunen
über die Vielseitigkeit Jörgs, mit der ich Euch bekannt machen möchte.
THE HOUSE OF USHER sind längst keine Newcomer mehr,
inzwischen können sie zwei Longplayer, EPs, MCDs und diverse Sampler-Beiträge
vorweisen. Bei dieser Fülle wäre eine allumfassende Vorstellung des
bisherigen Gesamtwerkes der Truppe fast müßig. Zumal die Präsentation,
das - ich möchte es mal so formulieren - künstlerische Umfeld der
Band ihres Gleichen suchen. Na, vielleicht übertreibe ich; aber lest doch
selbst!
Stars Fall Dawn
Die erste Album-CD der Band erschien 1994. In den zwei
Jahren seitdem ist viel passiert. Vieles in ihrer Musik hat sich geändert,
doch findet man schon auf diesem Album THOU-Typisches, das mir auch an ihrer
neuesten Veröffentlichung gefällt und zu einem hohen Wiedererkennungswert
führt, ohne gleich als Eigenkopie gelten zu müssen.
Die Musik ist im wesentlichen geradliniger Gitarren-Gothic-Rock,
durchsetzt mit stimmungsvollen Keyboardpassagen, wie er in der zweiten Hälfte
der 80er Jahre kreiert wurde. Vielleicht wollen es die Mannen um Jörg ja
nicht gerne hören, aber mich erinnerte ihre Vorstellung von Musik noch
am ehesten an die frühen Sachen von den FIELDS OF THE NEPHILIM.
Die Songs sind alle ähnlich aufgebaut: ruhig-unheimliche,
keyboardlastige Einführungspassagen werden aufgewühlt und quasi zerstört
durch kraftvollen Gitarrensound, der dunkle, aber nicht dumpfe, sondern irgendwie
dunkel-klare (falls es so etwas gibt) Gesang Jörgs setzt ein und erzählt
uns seine Geschichten von unheiligen Ereignissen, mysteriösen Begegnungen
am Rande der Zeit, vom Grauen, der uns alle packen könnte, wenn wir es
nur zulassen würden.
So wie sie begonnen haben, enden die Stücke dann auch
wieder ruhig und dunkel. In Perfektion und quasi episch ausgedehnt kann man
dies am besten am letzten, am Titelsong nachvollziehen, der auch die beachtliche
Länge von 15 Minuten aufbringt. Der sehr lange Instrumentalpart wird im
wesentlichen von Pianoklängen getragen. Doch ehe das Stück und damit
das Album beendet sind, wird noch einmal in der Reprise ordentlich gerockt.
Das Stück ist wirklich eine Reprise; ich kannte es von einem Demoband der
Band, wo es den Titel "Domenica Nera" trug. Hier wird übrigens
italienisch gesungen.
Wie auch immer, das Album ist wie aus einem Stück,
kein Song ragt richtig heraus. Mir scheint, die Band verzichtete auf auskoppelbare
Hits, verzichtete auf richtig fetzige Melodien; die Musik bleibt komplex und
steht im strengen Zusammenhang mit der Artwork, mit der Story im Booklet, dem
ideellen Hintergrund. Man kann die Musik sicher einfach so hören, aber
erst im Einklang mit der Story und der sehr schönen Gestaltung wird es
zum Erlebnis.
Ich lade herzlich ein, sich gedanklich ans offene Meer zu
setzen, am Lagerfeuer, des Nachts. Die Baumwipfel rauschen in der Dunkelheit
hinter den Dünen, zahllose Sterne blitzen über der See. Der Erzähler
am Feuer genießt die Atmosphäre des Schönen Schauers, den seine
mit Bedacht gewählten Worte erzeugen, die Grauenhaftes verkünden.
Die Sterne fallen
Der Erzähler, durch dessen Augen wir die Geschichte
aus dem Booklet miterleben dürfen, zieht sich zu Studien in die schottische
Einöde zurück. Er sucht die Ruhe und den Frieden dieser abgeschiedenen
Welt. Doch bald nimmt ein Turm auf einer der schottischen Westküste vorgelagerten
Insel seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Der Turm steht dort seit undenklichen
Zeiten und war Bestandteil einer größeren baulichen Anlage, die längst
von den Fluten überrollt wurde.
Lediglich ein Bewohner führt in dem Turm ein Einsiedlerleben.
All das ist mysteriös genug, um unseren Helden zu einen Besuch zu animieren.
Zunächst passiert nicht viel in der Story, der Autor
läßt sich Zeit, die schöne, anheimelnde Stimmung der Landschaft
auszumalen; man kann den Protagonisten schon beneiden.
Der Turmwächter nimmt ihn sogar freundlich auf und
weiht ihn und den Leser in seine seltsame Leidenschaft ein; er sammelt nämlich
uralte Wachswalzen, auf denen Tondokumente archiviert sein sollen, die mitunter
älter als die ägyptischen Pyramiden sind. Nur eine dieser Walzen wagt
er nicht aus ihrer Kupferhülle zu entnehmen. Sie stammt von einem U-Boot
der Nazis und strömt irgendwie Unheil aus.
Die Neugier des Erzählers führt ihn aber nächtens
wieder in den Turm und läßt ihn die Hülle öffnen - das
Grauen nimmt seinen Lauf, cthulhuide Phänomene bedecken den Himmel, eine
Strumflut droht. Das Unheil kann nur abgewehrt werden, indem die Wachsrolle
ins Meer geworfen wird. Dorthin, woher sie einst kam.
Mit der letzten gelesenen Zeile endete auch das Album -
was sicher mit meiner Art und Weise des Lesens zu tun hat, aber vielleicht ist
das Timing einfach perfekt...
Die Geschichte ist nicht so angefüllt mit Ereignissen,
daß sie völlig von der Musik ablenkt, beide Sinneseindrücke
können sich ergänzen.
Die Texte der Songs sind aber keine direkte Fortsetzung
der Geschichte, und umgekehrt. Die Texte sind - trotz der von mir so postulierten
- narrativen Vortragsweise keine "richtigen" Geschichten, eher lyrische
Stimmungsbilder, die die Atmosphäre der Art von Literatur, die Jörg
in seinen Stories kultiviert, unterstreichen, die die dunklen, mystischen Seiten
des Lebens umschreiben.
Es gibt natürlich Bezüge, so stürzen im Showdown
"wirklich" die Sterne herab, gerade dann, wenn die Musik auch schon
so weit fortgeschritten ist.
Natürlich wird auch der Turmwächter im Song erwähnt,
dort ist er aber noch mehr der Bote der prähumanen Gottheiten, die einst
auf der Erde herrschten (?)...
Interview mit Jörg Kleudgen
The House Of Usher
D.F.: THE HOUSE OF USHER machen mehr als ,nur" Musik.
Mir scheint da ein richtiges, kleines, aber komplexes Universum zu entstehen:
Die Stories in den CD-Beilagen korrespondieren mit den Texten; Artwork, Musik
und Stories bilden eine Einheit. Dazu gibt es ein Fanzine mit (bisher) einer
Tape-Edition. Wird das Konzept von den Käufern der CDs registriert und
angenommen?
Jörg: Diese NEKROLOG/NECROPHONE-Geschichten sind ja
mehr für Freunde als für Käufer gedacht - es wäre auch zu
aufwendig, in einer derart hohen Stückzahl Newsletter und Democassetten
zu kopieren. Aber dennoch ist es für uns selber und unser Verhältnis
zu den Leuten, die unsere Musik hören, sehr wichtig, daß wir die
Möglichkeit zum Kontakt schaffen und diesen auch so eng wie möglich
pflegen. Das kann so manche ,große" Band natürlich nicht.
Tja, das Konzept... da ich ja sowohl zeichne, als auch schreibe
und bei THE HOUSE OF USHER singe, fließen einige Dinge zusammen, und anders
könnten wir uns das wohl auch nicht vorstellen. Jeder bringt sich selber
als Persönlichkeit in die Band ein, nicht als ,Gitarre" oder ,Bass".
Davon abgesehen gebe ich den Bands, die Substanz haben und
gewillt sind, nicht einfach irgendeinen oberflächlichen Müll als Massenware
zu produzieren auf lange Sicht die besten Chancen. Die großen Rockbands
werden immer gehört werden, weil sie etwas zu sagen hatten. Man denke nur
an GENESIS oder LED ZEPPELIN, die auch auf uns heute noch Auswirkungen haben.
Ich bin mir sicher, daß die Hörer unserer Musik mitbekommen, wieviel
an Ideen und Emotionen in unseren äußerst schmerzhaft entstandenen
Stücken steckt...
D.F.: Wie entsteht ein Album bei Euch? Teilt Ihr Euch
die Arbeit? Wer ist für was verantwortlich?
Jörg: Ja, es gibt eine Arbeitsteilung, aber sie ist
sehr frei und offen. Ich will es am Beispiel von ,Zephyre" beschreiben:
Der größte Teil des Albums ist in Sessions zum Entwurf gekommen.
Wir haben uns hingestellt, einander Vorschläge vorgespielt, und wenn der
Funke übergesprungen ist, wurde daraus ein Song. Es gibt natürlich
einiges an - nicht üblem - ,Abfallmaterial", aber das werden wir immer
wieder aufgreifen, um zu sehen, ob es inzwischen soweit gereift ist, daß
wir es fertigstellen können.
Innerhalb der Gruppe ist jeder für sein Instrument
verantwortlich, hat aber die Möglichkeit, den anderen Musikern Vorschläge
zu unterbreiten, etwa, in welchem Rhythmus die Gitarre am besten angeschlagen
werden könnte, um das eigene Instrument unterstützt zu sehen. Im Grunde
genommen ist das aber schon die Produktionsphase.
Parallel dazu habe ich bereits das Konzept, den Hintergrund
des Albums entwickelt und arbeite an der Kurzgeschichte. Der Titel steht schon
längst, Coverentwürfe liegen auch vor. Ich arbeite dann daran, wandle
Skizzen in Reinzeichnungen um und gebe Scans davon weiter an Ray, der - in Abstimmung
mit der Band - die Schriften setzt, die Farben
auswählt. Die Idee, ein
Postercover zu machen, stammt auch von ihm.
Irgendwie ist es inzwischen
auch mit der Produktion weitergegangen, das Grundgerüst der Songs steht. Ich bin hauptsächlich
für die Programmierungen der Drums verantwortlich, ergänzende Keyboardsequenzen
werden relativ demokratisch gestaltet. Aber sie sind im seltensten Fall (etwa
bei THE IRREAL LIGHT OF THE SUN) den Song bestimmend. Die verschiedenen Instrumente
werden eingespielt - da uns das kleine Studio gehört, sind wir zeitlich
nicht eingeschränkt - und schließlich kommt es zum Endmix, wobei
sich auch hier immer wieder verschiedene Variationen und Remixes ergeben.
D.F.: In der Bandgeschichte gab es ein paar personelle
Wechsel. Hat dies Auswirkungen auf die von mir vermutete konzeptionelle Ausrichtung?
Jörg: Nein, da die ja doch weitestgehend in meinen
Händen liegt, hat sich darin nichts geändert, sondern ich hoffe, das
Bild hat sich über die Jahre komplettiert und verdichtet. Auch ein weiterer
Besetzungswechsel würde daran nichts ändern.
D.F.: Von Dir weiß ich, daß Du mit Deinen
eigenen Stories, auch mit GOBLIN-PRESS der Phantastik-Szene nahestehst. Was
steht bei THE HOUSE OF USHER im Vordergrund: das schwarze Lebensgefühl
des Gothic oder die phantastischen Hintergründe der Musik und Stories?
Welches Weltbild bestimmt Euer Tun? Was bedeuten Dir Gothic- und Phantastik-Fanszene?
Jörg: Puhh, einige schwierige Fragen auf einmal. Ich
könnte dazu jetzt ziemlich viel schreiben, weiß aber nicht, ob das
so interessant wäre.
Ich glaube, THE HOUSE OF USHER werden vor allem von einem
düster-romantischen Gefühl geprägt, das Phantastik- und Gothicszene
- die ohnehin stark ineinanderfließen - gleichermaßen prägt.
Es ist die Sehnsucht nach dem Anderssein, die uns als Menschen und Musiker bewegt.
Unsere Musik ist ein Spiegel unseres Inneren, nicht mehr und nicht weniger.
Ich stehe zwar der Szene, egal jetzt welcher, näher
als Ray, Markus und Victor, aber sie sind lediglich passive Teilhaber des schwarzen
Lebensgefühls.
Ich denke nicht, daß wir depressiv sind. Wir sehen
viele Dinge besorgt und ernsthaftig, und unsere Musik ist nebenbei ein Ausdruck
unserer Sorge. Aber sie ist nicht unbedingt die Resignation, die man von einer
Gothicband erwarten würde.
D.F.: Könntest Du Dir Eure Texte auch mit anderer
Musik umgesetzt vorstellen? (Es gibt ja gerade gegenwärtig recht verschiedene
Umsetzungen lovecraft'scher Plots: Payne's Gray, Forma Tadre)
Jörg: Nein, ich könnte mir kaum eine andere Musik
dazu vorstellen, was aber auch darin begründet ist, daß ich viele
Texte nach der Musik schreibe. Und ich bin mir sicher, daß nach und nach
verschiedene musikalische Ausdrucksformen zum Zuge kommen werden, also sowohl
rockige Interpretationen, als auch solche mit Akustikgitarren oder eher soundtrackartige
Stücke wie der Mittelteil von ,Zephyre".
Ich finde die Bearbeitungen von PAYNE'S GRAY und FORMA TADRE
nicht schlecht, aber sie treffen eine komplett andere Stimmung als ich selber
sie beim Lesen der lovecraft'schen Werke gefühlt habe.
D.F.: Ihr seid ja nun keine Newcomerband mehr, doch die
rechte Aufmerksamkeit durch die Szene-Medien erfahrt Ihr - so scheint's mir
- erst jetzt. Wie ist die Situation für eine Gothicband, wenn sie nicht
,Goethes Erben" heißt?
Jörg: Nicht schlecht, denn uns gefällt es eigentlich
ganz gut, wie sich unsere Musik und unser Konzept LANGSAM entwickelt und das
Publikum in überschaubarem Maße mitwächst. Wir kennen viele
der Leute, die unsere CDs gekauft haben. Ich kann mir gar nicht vorstellen,
für eine anonyme Masse zu musizieren/schreiben.
Klar, daß wir mit dieser Einstellung nicht den kurzfristigen
Erfolg von GOETHES ERBEN haben werden, aber mit ihnen in einen Topf geworfen
zu werden, würde uns doch schon ziemlich stören, denn ihre Vorstellung
von Wave und Gothic ist eine diametral verschiedene.
Ansonsten ist die Szene, die für diese Musik empfänglich
ist, immer noch sehr klein. Doch unsere Musik wird ja nicht FÜR diese Szene
gemacht, und sie wird nicht ausschließlich von weißgeschminkten,
schwarzgekleideten Menschen gehört, sondern von einem sehr gemischten Publikum.
Das zeigt, daß unser eigener Geschmack gar nicht so abwegig ist. Höchstens
etwas düsterer und absonderlicher.
D.F.: Auf dem neuen Album ,Zephyre" wird ein neues,
altes Thema aufgegriffen: der ferne, unheimliche Osten. Schon auf ,Black Sunday"
spielte dies ja eine Rolle. Was fasziniert daran?
Jörg: Mich fasziniert der Osten, weil er uns Jahrzehntelang
als unheimlich und fremd dargestellt wurde. Im Osten wird mit Psychowaffen experimentiert,
dort leben seltsam fremdartige Menschen, die uralten Religionen anhängen...
Für mich ist natürlich Amerika genauso fremd, doch ist der Osten ALT
der Westen (relativ) JUNG.
Ich folge da einfach einem inneren Gefühl, einer inneren
Vorliebe. Und ich bedauere, daß ,östliche" Werte zugunsten einer
westlichen Kulturübermacht verschwinden.
D.F.: Ein paar italienische Texte weisen auf eine Affinität
zu Italien hin. Gibt es dafür Gründe, vielleicht in der italienischen
Gothicszene? Welche Erfahrungen habt Ihr während der Konzerte in Italien
im Gegensatz zu Deutschland gemacht?
Jörg: Man hat die Emotionalität des italienischen
Publikums schon sehr deutlich zu spüren bekommen. Die Menschen haben zum
Ausdruck gebracht, was sie empfanden, außerdem erschienen sie uns wesentlich
herzlicher. Aber natürlich sind solche Eindrücke immer sehr subjektiv
und u.U. verfälscht, weil man die fremde Sprache ja doch nicht so perfekt
versteht.
Ich liebe Italien - und ich glaube, nach der Tour haben
wir alle dieses Land und seine alte Kultur geliebt. Meine italienischen Texte
waren ein Geschenk an unsere Fans dort, und sie wurden sehr begeistert aufgenommen.
Denn für Italien interessiert sich kaum ein deutscher Künstler. Obwohl
es dort eine sehr lebendige und interessante Gothicszene gibt, gehen - wegen
der schlechten Auftrittsbedingungen - nur sehr wenige Bands dorthin.
D.F.: Noch eine kleine Frage zum Abschluß. Warum
habt Ihr gleichzeitig zwei CDs auf den Markt gebracht, und nicht eine Doppel-CD?
Jörg: Wir haben niemals daran gedacht, eine Doppel-CD
zu machen. Und es wäre rein theoretisch ja auch gar nicht nötig gewesen:
hätten wir auf eine ,Succubus"-Version und evtl. ,Damaged V. 2.0"
verzichtet, hätten wir beide CDs locker zu einer einzigen zusammenfassen
können.
Nun haben aber ,Succubus" und ,Zephyre" verschiedene
Konzepte, verschiedene Songs und Sounds, ich hatte zwei Cover und zwei Geschichten,
die zu den jeweiligen Konzepten gehörten. Darüber hinaus sollte (und
ist) ,Succubus" einen Monat vor ,Zephyre" erscheinen.
Was also auf den ersten Blick naheliegend gewesen wäre,
erscheint unter diesen Gesichtspunkten als schlichtweg unmöglich.
Aber - dies vielleicht als Ausblick auf die ferne Zukunft
- unser nächstes Album (nicht die ,Earthbound-E.P.", die wir hoffentlich
um Frühjahr veröffentlichen können, und auch nicht die Wiederveröffentlichung
von ,Black Sunday") wird eine Doppel-CD werden. Sie soll den Namen ,Cosmogenesis"
tragen und wird gewissermaßen zweigespalten sein.
Aber das ist - wie gesagt - Zukunftsmusik!
Succubus
Celtic Circle Productions
Prag ist definitiv meine Lieblingsstadt. Kein Jahr vergeht,
in dem ich nicht einmal die altehrwürdigen Mauern dieser geschichtsträchtigen
Stadt besuche, um möglichst abseits von den Touristenpfaden ein kafkaeskes
Gefühl in mir aufkommen zu lassen. Noch immer ist Prag ein urbaner Grenzgänger
zwischen den Hemisphären, atmet den Odem jüdischer, deutscher und
slawischer Märchen und Sagen. Noch immer ist dies möglich, da viele
Gassen der alten Stadt in ihrer quasinatürlichen Verkommenheit belassen
wurden; wer weiß, wie lange noch.
Vor diesem Hintergrund habe ich die SUCCUBUS-MCD von THOU
wie eine seelische Wohltat aufgenommen. Der Band ist es für meine Begriffe
meisterlich gelungen, sowohl musikalisch, als auch gestalterisch dieses Flair
einzufangen.
Prag ist der Schauplatz der der MCD beiliegenden Story,
die in einem Heftchen abgedruckt neben dem entfaltbaren Booklet der Scheibe
den rechten Rahmen gibt. Wir werden entführt ins Prag der 50er/60er Jahre.
Jörg - Mastermind der Band und Autor der Story - schreibt über diese
Welt wie über die von 1001 Nacht, oder die kryptischen Steinpfade lovecraft'scher
Phantasiestädte. Das ist in Ordnung so; diese Welt ist gleichsam vergangener
und phantastischer Natur wie die des Römischen Reiches zum Beispiel. Das
hat mich auch am meisten an der Story fasziniert. In einer traumwandlerischen
Stimmung wird der Leser in eine schwarz-romantische Szenerie versetzt. Das ist
Phantastik pur; aber mit realem Hintergrund.
Im Grunde greift der Autor mächtig tief in die literarische
Mottenkiste: von Freimaurerei über Okkultismus, von Frankenstein bis Lenin,
von hermetischer Verschwörungstheorie bis zu den allgegenwärtigen
Spitzeln wird alles bemüht, um eine geheimnisvolle und spannende Atmosphäre
zu schaffen. Wie das alles zusammenkommt, soll an dieser Stelle nicht verraten
werden. Die Vorstellung von der okkulten Dimension kommunistischer Verschwörung
und finsterer Machenschaft im realexistierenden Sozialismus ist schon sehr verlockend.
Unklar bleibt, ob der Autor sich mit schauriger Ehrfurcht vor dem Ideentum der
russischen Revolution verneigt, oder ob die Beschreibung der rituellen Begebenheiten
im Zusammenhang mit diesem Erbe eher satirischen Charakter trägt. Vielleicht
ist die fiktive Horrorgestalt des fraulich-verführerischen und höllischen
Succubus, der heraufbeschworen wird, um an einem sehr bekannten Leichnam Frankensteins
Experimente zu vollenden, nur eine Metapher für den unheimlichen Osten?
Man höre, lesen und staune selbst!
Die Musik der MCD ist gleichsam düster - insbesondere
der lange Instrumentalteil von "The Irreal Light Of The Sun" ist absolut
stark und suggestiv. "Succubus" selbst hat eher erzählenden Charakter.
"...dann wurde ich in meinen Träumen von oktopoiden Schrecken und flammenden Nachtmahren durch ein nicht enden wollendes Labyrinth gejagt."
Zephyre
Alte Gemäuer mögen so manches Geheimnis bergen,
THOU sind auf der Spur von einigen - die zudem nicht immer dem Menschen zu Gute
kommen. Auch zu diesem (regulärem) '96er Fulltime-Album gehört eine
Geschichte von Jörg Kleudgen. Diesmal bleibt er "klassisch",
erzählt von den Abenteuern eines poe'schen Helden in einem mittelalterlichen
Gemäuer, das leider nicht verlassen ist, sondern von einem seltsamen Mönchsorden
bewohnt wird. Die Mönche finden unseren Helden, als ihm schwarz vor Augen
wird. Sie pflegen ihn - und halten ihn quasi gefangen. Unheimliche Dinge ereignen
sich des Nachts. Das Geschehen kulminiert in einem abartigen Horror-Gottesdienst,
in dem die Mönche ihre wahre - cthulhuide - Natur offenbaren.
Die Story bleibt in bekannten Gewässern, überrascht
nicht so sehr wie "Succubus" durch ungewöhnliche Motive. Allerdings
scheint sie größeren symbolischen Wert zu besitzen.
Der Zephir brennt am Ende mit seinem "heißen
Atem" das Kloster aus. Nun ist der Zephir der Westwind der alten Griechen.
Sollte damit die erbarmungslose Attacke des Westens auf die (wiederum) uralte
(und unheimliche) Welt des Ostens, verkörpert durch den Mönchsorden,
verklausuliert sein? (Allerdings ist Zephir eher ein sanfter, feuchter Westwind
und eifersüchtiger Gottessohn. In Story sind allerdings die Mönche
fischige Wesen.) Auch in den Texten thematisiert THOU auf metaphorisch-epische
Weise die Sicht des Westens auf die unbekannten Welten des Ostens. "In
Seventh Claw Of Kali" wird gar eine Gefahr aus dem Osten beschrieben, die
leider als durchaus real angesehen werden muß: religiöser Sekten-Fanatismus.
In "Green Gloves" wird die Geschichte eines Tibetaners
erzählt, der die Verkörperung des absolut Bösen darstellt; oh,
der Osten muß wahrlich voller Gefahren sein!