The House Of Usher



 

Irgendwann 1990/91 lernte ich die Publikationen eines kleinen Verlages für unheimlich-phantastische Literatur kennen, der sich vornehmlich den Arbeiten mehr oder weniger unbekannter deutsch-sprachiger Autoren annimmt, die ihre Stories im Stile Poes und Lovecrafts verfassen. Diesen Small-Press-Verlag gibt's übrigens immer noch, Goblin Press heißt er.
Später entdeckte ich für mich die musikalischen Welten des Gothic und der Dark Wave; angwidert von dem immer gleichen Gedudel der sog. freien Sender, die sich wohl nur ungerne auf musikalische Experimente einlassen, kamen mir die Klänge von Bands wie Dead Can Dance, The Fields Of Nephilim, The Mission, Garden Of Delight, aber auch von Clock DVA wie Offenbahrungen vor - ja, sicher, das sind wohlbekannte Highlights der Szene, inzwischen konnte ich mich bereits mit anderen Vetretern derselben vertraut machen. Diese Musik ergänzte auch quasi meine literarischen Vorlieben auf ideale Weise. Voller Euphorie schrieb ich von meinen "Entdeckungen" auch an den Verleger der Goblin Press, Jörg Kleudgen, nicht ahnend, daß er selbst ein Goth ist, selbst ein Fanzine herausbrachte, daß sich mit der Musik der "Schwarzen" beschäftigt (inzwischen ein Profzine: GOTHIC) und selbst in einer Gothic-Rock-Band mitspielte. Das war natürlich eine Überraschung!
Man verzeihe mir diese persönliche Einleitung, doch erklärt diese vielleicht ein wenig mein immer noch anhaltendes Erstaunen über die Vielseitigkeit Jörgs, mit der ich Euch bekannt machen möchte.
THE HOUSE OF USHER sind längst keine Newcomer mehr, inzwischen können sie zwei Longplayer, EPs, MCDs und diverse Sampler-Beiträge vorweisen. Bei dieser Fülle wäre eine allumfassende Vorstellung des bisherigen Gesamtwerkes der Truppe fast müßig. Zumal die Präsentation, das - ich möchte es mal so formulieren - künstlerische Umfeld der Band ihres Gleichen suchen. Na, vielleicht übertreibe ich; aber lest doch selbst!

Stars Fall Dawn


Die erste Album-CD der Band erschien 1994. In den zwei Jahren seitdem ist viel passiert. Vieles in ihrer Musik hat sich geändert, doch findet man schon auf diesem Album THOU-Typisches, das mir auch an ihrer neuesten Veröffentlichung gefällt und zu einem hohen Wiedererkennungswert führt, ohne gleich als Eigenkopie gelten zu müssen.
Die Musik ist im wesentlichen geradliniger Gitarren-Gothic-Rock, durchsetzt mit stimmungsvollen Keyboardpassagen, wie er in der zweiten Hälfte der 80er Jahre kreiert wurde. Vielleicht wollen es die Mannen um Jörg ja nicht gerne hören, aber mich erinnerte ihre Vorstellung von Musik noch am ehesten an die frühen Sachen von den FIELDS OF THE NEPHILIM.
Die Songs sind alle ähnlich aufgebaut: ruhig-unheimliche, keyboardlastige Einführungspassagen werden aufgewühlt und quasi zerstört durch kraftvollen Gitarrensound, der dunkle, aber nicht dumpfe, sondern irgendwie dunkel-klare (falls es so etwas gibt) Gesang Jörgs setzt ein und erzählt uns seine Geschichten von unheiligen Ereignissen, mysteriösen Begegnungen am Rande der Zeit, vom Grauen, der uns alle packen könnte, wenn wir es nur zulassen würden.
So wie sie begonnen haben, enden die Stücke dann auch wieder ruhig und dunkel. In Perfektion und quasi episch ausgedehnt kann man dies am besten am letzten, am Titelsong nachvollziehen, der auch die beachtliche Länge von 15 Minuten aufbringt. Der sehr lange Instrumentalpart wird im wesentlichen von Pianoklängen getragen. Doch ehe das Stück und damit das Album beendet sind, wird noch einmal in der Reprise ordentlich gerockt. Das Stück ist wirklich eine Reprise; ich kannte es von einem Demoband der Band, wo es den Titel "Domenica Nera" trug. Hier wird übrigens italienisch gesungen.
Wie auch immer, das Album ist wie aus einem Stück, kein Song ragt richtig heraus. Mir scheint, die Band verzichtete auf auskoppelbare Hits, verzichtete auf richtig fetzige Melodien; die Musik bleibt komplex und steht im strengen Zusammenhang mit der Artwork, mit der Story im Booklet, dem ideellen Hintergrund. Man kann die Musik sicher einfach so hören, aber erst im Einklang mit der Story und der sehr schönen Gestaltung wird es zum Erlebnis.
Ich lade herzlich ein, sich gedanklich ans offene Meer zu setzen, am Lagerfeuer, des Nachts. Die Baumwipfel rauschen in der Dunkelheit hinter den Dünen, zahllose Sterne blitzen über der See. Der Erzähler am Feuer genießt die Atmosphäre des Schönen Schauers, den seine mit Bedacht gewählten Worte erzeugen, die Grauenhaftes verkünden.

Die Sterne fallen


Der Erzähler, durch dessen Augen wir die Geschichte aus dem Booklet miterleben dürfen, zieht sich zu Studien in die schottische Einöde zurück. Er sucht die Ruhe und den Frieden dieser abgeschiedenen Welt. Doch bald nimmt ein Turm auf einer der schottischen Westküste vorgelagerten Insel seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Der Turm steht dort seit undenklichen Zeiten und war Bestandteil einer größeren baulichen Anlage, die längst von den Fluten überrollt wurde.
Lediglich ein Bewohner führt in dem Turm ein Einsiedlerleben. All das ist mysteriös genug, um unseren Helden zu einen Besuch zu animieren.
Zunächst passiert nicht viel in der Story, der Autor läßt sich Zeit, die schöne, anheimelnde Stimmung der Landschaft auszumalen; man kann den Protagonisten schon beneiden.
Der Turmwächter nimmt ihn sogar freundlich auf und weiht ihn und den Leser in seine seltsame Leidenschaft ein; er sammelt nämlich uralte Wachswalzen, auf denen Tondokumente archiviert sein sollen, die mitunter älter als die ägyptischen Pyramiden sind. Nur eine dieser Walzen wagt er nicht aus ihrer Kupferhülle zu entnehmen. Sie stammt von einem U-Boot der Nazis und strömt irgendwie Unheil aus.
Die Neugier des Erzählers führt ihn aber nächtens wieder in den Turm und läßt ihn die Hülle öffnen - das Grauen nimmt seinen Lauf, cthulhuide Phänomene bedecken den Himmel, eine Strumflut droht. Das Unheil kann nur abgewehrt werden, indem die Wachsrolle ins Meer geworfen wird. Dorthin, woher sie einst kam.
Mit der letzten gelesenen Zeile endete auch das Album - was sicher mit meiner Art und Weise des Lesens zu tun hat, aber vielleicht ist das Timing einfach perfekt...
Die Geschichte ist nicht so angefüllt mit Ereignissen, daß sie völlig von der Musik ablenkt, beide Sinneseindrücke können sich ergänzen.
Die Texte der Songs sind aber keine direkte Fortsetzung der Geschichte, und umgekehrt. Die Texte sind - trotz der von mir so postulierten - narrativen Vortragsweise keine "richtigen" Geschichten, eher lyrische Stimmungsbilder, die die Atmosphäre der Art von Literatur, die Jörg in seinen Stories kultiviert, unterstreichen, die die dunklen, mystischen Seiten des Lebens umschreiben.
Es gibt natürlich Bezüge, so stürzen im Showdown "wirklich" die Sterne herab, gerade dann, wenn die Musik auch schon so weit fortgeschritten ist.
Natürlich wird auch der Turmwächter im Song erwähnt, dort ist er aber noch mehr der Bote der prähumanen Gottheiten, die einst auf der Erde herrschten (?)...

Interview mit Jörg Kleudgen
 The House Of Usher


D.F.: THE HOUSE OF USHER machen mehr als ,nur" Musik. Mir scheint da ein richtiges, kleines, aber komplexes Universum zu entstehen: Die Stories in den CD-Beilagen korrespondieren mit den Texten; Artwork, Musik und Stories bilden eine Einheit. Dazu gibt es ein Fanzine mit (bisher) einer Tape-Edition. Wird das Konzept von den Käufern der CDs registriert und angenommen?
Jörg: Diese NEKROLOG/NECROPHONE-Geschichten sind ja mehr für Freunde als für Käufer gedacht - es wäre auch zu aufwendig, in einer derart hohen Stückzahl Newsletter und Democassetten zu kopieren. Aber dennoch ist es für uns selber und unser Verhältnis zu den Leuten, die unsere Musik hören, sehr wichtig, daß wir die Möglichkeit zum Kontakt schaffen und diesen auch so eng wie möglich pflegen. Das kann so manche ,große" Band natürlich nicht.
Tja, das Konzept... da ich ja sowohl zeichne, als auch schreibe und bei THE HOUSE OF USHER singe, fließen einige Dinge zusammen, und anders könnten wir uns das wohl auch nicht vorstellen. Jeder bringt sich selber als Persönlichkeit in die Band ein, nicht als ,Gitarre" oder ,Bass".
Davon abgesehen gebe ich den Bands, die Substanz haben und gewillt sind, nicht einfach irgendeinen oberflächlichen Müll als Massenware zu produzieren auf lange Sicht die besten Chancen. Die großen Rockbands werden immer gehört werden, weil sie etwas zu sagen hatten. Man denke nur an GENESIS oder LED ZEPPELIN, die auch auf uns heute noch Auswirkungen haben. Ich bin mir sicher, daß die Hörer unserer Musik mitbekommen, wieviel an Ideen und Emotionen in unseren äußerst schmerzhaft entstandenen Stücken steckt...

D.F.: Wie entsteht ein Album bei Euch? Teilt Ihr Euch die Arbeit? Wer ist für was verantwortlich?
Jörg: Ja, es gibt eine Arbeitsteilung, aber sie ist sehr frei und offen. Ich will es am Beispiel von ,Zephyre" beschreiben: Der größte Teil des Albums ist in Sessions zum Entwurf gekommen. Wir haben uns hingestellt, einander Vorschläge vorgespielt, und wenn der Funke übergesprungen ist, wurde daraus ein Song. Es gibt natürlich einiges an - nicht üblem - ,Abfallmaterial", aber das werden wir immer wieder aufgreifen, um zu sehen, ob es inzwischen soweit gereift ist, daß wir es fertigstellen können.
Innerhalb der Gruppe ist jeder für sein Instrument verantwortlich, hat aber die Möglichkeit, den anderen Musikern Vorschläge zu unterbreiten, etwa, in welchem Rhythmus die Gitarre am besten angeschlagen werden könnte, um das eigene Instrument unterstützt zu sehen. Im Grunde genommen ist das aber schon die Produktionsphase.
Parallel dazu habe ich bereits das Konzept, den Hintergrund des Albums entwickelt und arbeite an der Kurzgeschichte. Der Titel steht schon längst, Coverentwürfe liegen auch vor. Ich arbeite dann daran, wandle Skizzen in Reinzeichnungen um und gebe Scans davon weiter an Ray, der - in Abstimmung mit der Band - die Schriften setzt, die Farben auswählt. Die Idee, ein Postercover zu machen, stammt auch von ihm.
Irgendwie ist es inzwischen auch mit der Produktion weitergegangen, das Grundgerüst der Songs steht. Ich bin hauptsächlich für die Programmierungen der Drums verantwortlich, ergänzende Keyboardsequenzen werden relativ demokratisch gestaltet. Aber sie sind im seltensten Fall (etwa bei THE IRREAL LIGHT OF THE SUN) den Song bestimmend. Die verschiedenen Instrumente werden eingespielt - da uns das kleine Studio gehört, sind wir zeitlich nicht eingeschränkt - und schließlich kommt es zum Endmix, wobei sich auch hier immer wieder verschiedene Variationen und Remixes ergeben.

D.F.: In der Bandgeschichte gab es ein paar personelle Wechsel. Hat dies Auswirkungen auf die von mir vermutete konzeptionelle Ausrichtung?
Jörg: Nein, da die ja doch weitestgehend in meinen Händen liegt, hat sich darin nichts geändert, sondern ich hoffe, das Bild hat sich über die Jahre komplettiert und verdichtet. Auch ein weiterer Besetzungswechsel würde daran nichts ändern.

D.F.: Von Dir weiß ich, daß Du mit Deinen eigenen Stories, auch mit GOBLIN-PRESS der Phantastik-Szene nahestehst. Was steht bei THE HOUSE OF USHER im Vordergrund: das schwarze Lebensgefühl des Gothic oder die phantastischen Hintergründe der Musik und Stories? Welches Weltbild bestimmt Euer Tun? Was bedeuten Dir Gothic- und Phantastik-Fanszene?
Jörg: Puhh, einige schwierige Fragen auf einmal. Ich könnte dazu jetzt ziemlich viel schreiben, weiß aber nicht, ob das so interessant wäre.
Ich glaube, THE HOUSE OF USHER werden vor allem von einem düster-romantischen Gefühl geprägt, das Phantastik- und Gothicszene - die ohnehin stark ineinanderfließen - gleichermaßen prägt. Es ist die Sehnsucht nach dem Anderssein, die uns als Menschen und Musiker bewegt. Unsere Musik ist ein Spiegel unseres Inneren, nicht mehr und nicht weniger.
Ich stehe zwar der Szene, egal jetzt welcher, näher als Ray, Markus und Victor, aber sie sind lediglich passive Teilhaber des schwarzen Lebensgefühls.
Ich denke nicht, daß wir depressiv sind. Wir sehen viele Dinge besorgt und ernsthaftig, und unsere Musik ist nebenbei ein Ausdruck unserer Sorge. Aber sie ist nicht unbedingt die Resignation, die man von einer Gothicband erwarten würde.

D.F.: Könntest Du Dir Eure Texte auch mit anderer Musik umgesetzt vorstellen? (Es gibt ja gerade gegenwärtig recht verschiedene Umsetzungen lovecraft'scher Plots: Payne's Gray, Forma Tadre)
Jörg: Nein, ich könnte mir kaum eine andere Musik dazu vorstellen, was aber auch darin begründet ist, daß ich viele Texte nach der Musik schreibe. Und ich bin mir sicher, daß nach und nach verschiedene musikalische Ausdrucksformen zum Zuge kommen werden, also sowohl rockige Interpretationen, als auch solche mit Akustikgitarren oder eher soundtrackartige Stücke wie der Mittelteil von ,Zephyre".
Ich finde die Bearbeitungen von PAYNE'S GRAY und FORMA TADRE nicht schlecht, aber sie treffen eine komplett andere Stimmung als ich selber sie beim Lesen der lovecraft'schen Werke gefühlt habe.

D.F.: Ihr seid ja nun keine Newcomerband mehr, doch die rechte Aufmerksamkeit durch die Szene-Medien erfahrt Ihr - so scheint's mir - erst jetzt. Wie ist die Situation für eine Gothicband, wenn sie nicht ,Goethes Erben" heißt?
Jörg: Nicht schlecht, denn uns gefällt es eigentlich ganz gut, wie sich unsere Musik und unser Konzept LANGSAM entwickelt und das Publikum in überschaubarem Maße mitwächst. Wir kennen viele der Leute, die unsere CDs gekauft haben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, für eine anonyme Masse zu musizieren/schreiben.
Klar, daß wir mit dieser Einstellung nicht den kurzfristigen Erfolg von GOETHES ERBEN haben werden, aber mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden, würde uns doch schon ziemlich stören, denn ihre Vorstellung von Wave und Gothic ist eine diametral verschiedene.
Ansonsten ist die Szene, die für diese Musik empfänglich ist, immer noch sehr klein. Doch unsere Musik wird ja nicht FÜR diese Szene gemacht, und sie wird nicht ausschließlich von weißgeschminkten, schwarzgekleideten Menschen gehört, sondern von einem sehr gemischten Publikum. Das zeigt, daß unser eigener Geschmack gar nicht so abwegig ist. Höchstens etwas düsterer und absonderlicher.

D.F.: Auf dem neuen Album ,Zephyre" wird ein neues, altes Thema aufgegriffen: der ferne, unheimliche Osten. Schon auf ,Black Sunday" spielte dies ja eine Rolle. Was fasziniert daran?
Jörg: Mich fasziniert der Osten, weil er uns Jahrzehntelang als unheimlich und fremd dargestellt wurde. Im Osten wird mit Psychowaffen experimentiert, dort leben seltsam fremdartige Menschen, die uralten Religionen anhängen... Für mich ist natürlich Amerika genauso fremd, doch ist der Osten ALT der Westen (relativ) JUNG.
Ich folge da einfach einem inneren Gefühl, einer inneren Vorliebe. Und ich bedauere, daß ,östliche" Werte zugunsten einer westlichen Kulturübermacht verschwinden.

D.F.: Ein paar italienische Texte weisen auf eine Affinität zu Italien hin. Gibt es dafür Gründe, vielleicht in der italienischen Gothicszene? Welche Erfahrungen habt Ihr während der Konzerte in Italien im Gegensatz zu Deutschland gemacht?
Jörg: Man hat die Emotionalität des italienischen Publikums schon sehr deutlich zu spüren bekommen. Die Menschen haben zum Ausdruck gebracht, was sie empfanden, außerdem erschienen sie uns wesentlich herzlicher. Aber natürlich sind solche Eindrücke immer sehr subjektiv und u.U. verfälscht, weil man die fremde Sprache ja doch nicht so perfekt versteht.
Ich liebe Italien - und ich glaube, nach der Tour haben wir alle dieses Land und seine alte Kultur geliebt. Meine italienischen Texte waren ein Geschenk an unsere Fans dort, und sie wurden sehr begeistert aufgenommen. Denn für Italien interessiert sich kaum ein deutscher Künstler. Obwohl es dort eine sehr lebendige und interessante Gothicszene gibt, gehen - wegen der schlechten Auftrittsbedingungen - nur sehr wenige Bands dorthin.

D.F.: Noch eine kleine Frage zum Abschluß. Warum habt Ihr gleichzeitig zwei CDs auf den Markt gebracht, und nicht eine Doppel-CD?
Jörg: Wir haben niemals daran gedacht, eine Doppel-CD zu machen. Und es wäre rein theoretisch ja auch gar nicht nötig gewesen: hätten wir auf eine ,Succubus"-Version und evtl. ,Damaged V. 2.0" verzichtet, hätten wir beide CDs locker zu einer einzigen zusammenfassen können.
Nun haben aber ,Succubus" und ,Zephyre" verschiedene Konzepte, verschiedene Songs und Sounds, ich hatte zwei Cover und zwei Geschichten, die zu den jeweiligen Konzepten gehörten. Darüber hinaus sollte (und ist) ,Succubus" einen Monat vor ,Zephyre" erscheinen.
Was also auf den ersten Blick naheliegend gewesen wäre, erscheint unter diesen Gesichtspunkten als schlichtweg unmöglich.
Aber - dies vielleicht als Ausblick auf die ferne Zukunft - unser nächstes Album (nicht die ,Earthbound-E.P.", die wir hoffentlich um Frühjahr veröffentlichen können, und auch nicht die Wiederveröffentlichung von ,Black Sunday") wird eine Doppel-CD werden. Sie soll den Namen ,Cosmogenesis" tragen und wird gewissermaßen zweigespalten sein.
Aber das ist - wie gesagt - Zukunftsmusik!
 
 

Succubus
Celtic Circle Productions


Prag ist definitiv meine Lieblingsstadt. Kein Jahr vergeht, in dem ich nicht einmal die altehrwürdigen Mauern dieser geschichtsträchtigen Stadt besuche, um möglichst abseits von den Touristenpfaden ein kafkaeskes Gefühl in mir aufkommen zu lassen. Noch immer ist Prag ein urbaner Grenzgänger zwischen den Hemisphären, atmet den Odem jüdischer, deutscher und slawischer Märchen und Sagen. Noch immer ist dies möglich, da viele Gassen der alten Stadt in ihrer quasinatürlichen Verkommenheit belassen wurden; wer weiß, wie lange noch.
Vor diesem Hintergrund habe ich die SUCCUBUS-MCD von THOU wie eine seelische Wohltat aufgenommen. Der Band ist es für meine Begriffe meisterlich gelungen, sowohl musikalisch, als auch gestalterisch dieses Flair einzufangen.
Prag ist der Schauplatz der der MCD beiliegenden Story, die in einem Heftchen abgedruckt neben dem entfaltbaren Booklet der Scheibe den rechten Rahmen gibt. Wir werden entführt ins Prag der 50er/60er Jahre. Jörg - Mastermind der Band und Autor der Story - schreibt über diese Welt wie über die von 1001 Nacht, oder die kryptischen Steinpfade lovecraft'scher Phantasiestädte. Das ist in Ordnung so; diese Welt ist gleichsam vergangener und phantastischer Natur wie die des Römischen Reiches zum Beispiel. Das hat mich auch am meisten an der Story fasziniert. In einer traumwandlerischen Stimmung wird der Leser in eine schwarz-romantische Szenerie versetzt. Das ist Phantastik pur; aber mit realem Hintergrund.
Im Grunde greift der Autor mächtig tief in die literarische Mottenkiste: von Freimaurerei über Okkultismus, von Frankenstein bis Lenin, von hermetischer Verschwörungstheorie bis zu den allgegenwärtigen Spitzeln wird alles bemüht, um eine geheimnisvolle und spannende Atmosphäre zu schaffen. Wie das alles zusammenkommt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Die Vorstellung von der okkulten Dimension kommunistischer Verschwörung und finsterer Machenschaft im realexistierenden Sozialismus ist schon sehr verlockend. Unklar bleibt, ob der Autor sich mit schauriger Ehrfurcht vor dem Ideentum der russischen Revolution verneigt, oder ob die Beschreibung der rituellen Begebenheiten im Zusammenhang mit diesem Erbe eher satirischen Charakter trägt. Vielleicht ist die fiktive Horrorgestalt des fraulich-verführerischen und höllischen Succubus, der heraufbeschworen wird, um an einem sehr bekannten Leichnam Frankensteins Experimente zu vollenden, nur eine Metapher für den unheimlichen Osten? Man höre, lesen und staune selbst!
Die Musik der MCD ist gleichsam düster - insbesondere der lange Instrumentalteil von "The Irreal Light Of The Sun" ist absolut stark und suggestiv. "Succubus" selbst hat eher erzählenden Charakter.

"...dann wurde ich in meinen Träumen von oktopoiden Schrecken und flammenden Nachtmahren durch ein nicht enden wollendes Labyrinth gejagt."

Zephyre


Alte Gemäuer mögen so manches Geheimnis bergen, THOU sind auf der Spur von einigen - die zudem nicht immer dem Menschen zu Gute kommen. Auch zu diesem (regulärem) '96er Fulltime-Album gehört eine Geschichte von Jörg Kleudgen. Diesmal bleibt er "klassisch", erzählt von den Abenteuern eines poe'schen Helden in einem mittelalterlichen Gemäuer, das leider nicht verlassen ist, sondern von einem seltsamen Mönchsorden bewohnt wird. Die Mönche finden unseren Helden, als ihm schwarz vor Augen wird. Sie pflegen ihn - und halten ihn quasi gefangen. Unheimliche Dinge ereignen sich des Nachts. Das Geschehen kulminiert in einem abartigen Horror-Gottesdienst, in dem die Mönche ihre wahre - cthulhuide - Natur offenbaren.
Die Story bleibt in bekannten Gewässern, überrascht nicht so sehr wie "Succubus" durch ungewöhnliche Motive. Allerdings scheint sie größeren symbolischen Wert zu besitzen.
Der Zephir brennt am Ende mit seinem "heißen Atem" das Kloster aus. Nun ist der Zephir der Westwind der alten Griechen. Sollte damit die erbarmungslose Attacke des Westens auf die (wiederum) uralte (und unheimliche) Welt des Ostens, verkörpert durch den Mönchsorden, verklausuliert sein? (Allerdings ist Zephir eher ein sanfter, feuchter Westwind und eifersüchtiger Gottessohn. In Story sind allerdings die Mönche fischige Wesen.) Auch in den Texten thematisiert THOU auf metaphorisch-epische Weise die Sicht des Westens auf die unbekannten Welten des Ostens. "In Seventh Claw Of Kali" wird gar eine Gefahr aus dem Osten beschrieben, die leider als durchaus real angesehen werden muß: religiöser Sekten-Fanatismus.
In "Green Gloves" wird die Geschichte eines Tibetaners erzählt, der die Verkörperung des absolut Bösen darstellt; oh, der Osten muß wahrlich voller Gefahren sein!