Bernd
Jans & Jörg Kleudgen: An den Ufern des Wahnsinns
(Goblin-Press, 1996)
-
gelesen von Thomas Hofmann
-
Ja, ich glaube, es war ein kalter Spätherbsttag, an dem ich, einfach
nur froh, heimatliche Gefilde erreicht und den dunklen Tag über die
Runden gebracht zu haben, im Briefkasten einen dicken Umschlag vorfand.
Er umhüllte, wie ich feststellen konnte, ein scheinbar sehr altes
Buch, ein Manuskript. Die Zeit hat an dem Werk genagt, die Blätter
waren vergilbt, die Schrift altertümlich. Und der Inhalt verhieß
nichts Gutes...
-
"An den Ufern des Wahnsinns" - zumindest der erste Teil der vorliegenden
Heftpublikation der Goblin-Press - ist ursprünglich dieses Manuskript,
von dem es, so weit ich unterrichtet bin, nur wenige Kopien gibt. Sicher,
liebe Leser, dieses Manuskript ist natürlich nicht alt, zumindest
nicht sehr alt (doch wie war das gleich mit der Relativität der Zeit;
und wir bewegen uns dazu auch noch in magischen Gefilden...), sondern das
Produkt eines wunderschönen Hobbies eines den Lesern von SOLAR-X nicht
mehr Unbekannten. Da sich Bernd in der Kalligraphie übte und außerdem
für seine Life-Rollenspiel-Runden immer Requisiten benötigt,
verband er beides und schuf dieses Kleinod phantastischer Fan-Literatur.
-
"An den Ufern..." ist gleichzeitig die Fortsetzung der "Ybh-Fragmente"
und beschreibt - nicht ohne ständige Warnungen davor, dies auch nachzuvollziehen
- den Weg an die Gestade des Wahnsinns, an denen auch diese uralte Stadt
zu finden ist. Der Text besitzt keinen ausgefeilten Plot, sondern lebt
einzig von der altertümlichen Sprache und der Gruselstimmung, die
von ihr erzeugt wird. Das absolute Highlight dabei sind aber die Illustrationen;
im Grunde handelt es sich eher um einen Grafikband mit Begleittext.
-
Was als Manuskript allein einen dicken Band füllt, kann als Haft kaum
bestehen; nicht zuletzt deshalb hat der Chefredakteur der Goblin-Press,
Jörg Kleudgen, eine Geschichte hinzugefügt, die den zweiten Teil
des Heftbandes beinhaltet: "Nach Jahrtausenden". Hier begegnet der geneigte
Leser auch einem alten Bekannten: Dem Inquisitor des Westens Gunn. Man
kennt ihn aus "R'Lyeh", dem allerersten Band der Goblin-Press (1990) und
aus dem Taschenbuch "Der Alp" (Goblin-Press, 1993).
-
Gunn wird nach Kull gerufen, der urbanen Bastion eines Bischofs im postatomaren
Europa, quasi gleich bei uns um die Ecke, aber doch gleichzeitig so weit
entfernt. Auch Kull dürfte dem aufmerksamen SX-Leser kein unbekannter
Begriff sein.
-
In Kull ist eine Mumie aufgetaucht, die viel zu alt sein muß, um
wahr zu sein; Artefakte aus der Zeit DAVOR sind selten geworden. Gunn soll
herausbekommen, was dahinter steckt. Doch zu spät. Gleich in der ersten
Nacht seines Erscheinens erwacht die Mumie zu gespenstischem Leben, geistert
als reißender Vampir durch die Gänge des Bischofspalastes und
tut das, wofür ein Vampir gemeinhin bekannt ist.
-
Gunn zieht sich auf sein Anwesen Reichenfels zurück, um die Schriftzeichen,
die auf der Bandage der Mumie zu finden waren, zu entziffern - was ihm
auch gelingt, oder auch nicht? Der Spuk nimmt seinen Lauf zwischen Traum
und bösem Erwachen - und Traum...? Berauschende Pilze könnten
eine Antwort sein auf die Erlebnisse, die Gunn nun hat. Doch ist dies vielleicht
die günstigste Erklärung.
-
Der Autor läßt sich viel Zeit bei der Entwicklung seines Plots.
Der Leser erfährt ein paar Dinge aus dem "historischen" Hintergrund
der Welt, in der sich die Story abspielt, von den Bürger- und Bruderkriegen
in den Städten, von der Rolle der Banken (!) darin, von der neomittelalterlichen
Welt nach dem Wüten des atomaren Feuers, von dieser Welt, die mit
einer faszinierenden Mischung aus Mystizismus und technologischem Abfall
aufwartet.
-
Ist schon Klasse! Davon würde ich gerne mehr lesen. Doch wenn ich
das Interview mit Jörg in F.O.C. 2 (kleine Rezi zur ersten Ausgabe
in einem älteren SX) richtig verstanden habe, will sich der Autor
in Zukunft lediglich Stories zu den Musikplatten-Veröffentlichungen
von THE HOUSE OF USHER erarbeiten. Da würde sicher viel gruseliges
Potential auf der Strecke bleiben. Verdammt, es muß doch weiter gehen
mit dem Inquisitor des Westens!
-