Jens Schumacher: Der Hügel von Yhth
(Goblin Press 1997)

Der Hügel von Yhth ist ja ein...!!! Oh nein, genau dies will ich lieber nicht verraten. Aber wenn ich das Geheimnis dieser seltsamen Ortsangabe hier preisgäbe, so würde dieser Umstand auch nicht das Lesevergnügen schmälern. Die Erzählungen von Jens Schumacher leben von ihrer Sprache und selten vollständig aufgeklärten Geheimnissen.
Schon damals, als ich in einer NIGTHLIFE-Ausgabe die Story "Stille Wasser" las, "beklagte" ich die fehlende Auflösung; letztendlich blieb im Verborgenen, was denn nun dieses seltsame Überwesen in der Tiefsee darstellt, das zahllose andere Meeresbewohner in einem riesigen Schwarm vor sich her treibt. Diese Geschichte ist übrigens auch hier in dem vorliegenden Taschenbuch enthalten. (Natürlich "beklagte" ich diesen oben umschriebenen Umstand nicht wirklich, denn genau dieser macht die Stories von Jens Schumacher so interessant.)
Ja, die GOBLIN PRESS, respektive ihr Herausgeber Jörg Kleudgen, scheint Ernst zu machen mit der Ankündigung, nur noch TBs zu fabrizieren. Nun denn, der Leser wird's hoffentlich danken.
Der vorliegende Band erfüllt jedenfalls voll und ganz die vielleicht höheren Erwartungen, die man gegenüber einem (nur) Fanzine hegen möchte. War Jörgs eigene Geschichte, "Der Fluch von Mayfield", noch eher eine auf TB-Format aufgebesserte Erzählung, sind im Schumacher-Band sechs Erzählungen enthalten; d.h., die erste Story ist eher eine Art dichterischer Prolog.
Mit "Wo kein Adler wagt zu landen" deutet uns der Autor eines seiner fiktionalen Geheimnisse an. Irgendwo in den Bergen Jugoslawiens (damals, zur Zeit der Handlung, in den 50er Jahren, gab's dieses Land ja noch) gibt es eine Hochebene, wo kein Lebewesen existieren kann. Was dahinter steckt? Nein, verrate ich auch nicht... (Vielleicht vermag ich es auch gar nicht...)
Die Erzählungen erinnern sehr an die lovecraft'schen Fiktionen; das ist sicher beabsichtigt. Nun habe ich aber schon irgendwo gelesen, daß der Autor nicht nur so schreiben kann. Hier muß man also davon ausgehen, daß die Hommage an den Meister des unheimlichen Grauens beabsichtigt war und kein plattes Plagiat. Das kann es schon deshalb nicht sein, da der Autor eigene Ideen präsentiert, wirklich interessante Geschichten zu erzählen vermag, die nicht nur ihrer sprachlichen Gestaltung  (die ich als professionell bezeichnen möchte), sondern auch ihrer Plots wegen überzeugen.
Die Titelgeschichte ist gleichzeitig die umfangreichste. Sie erzählt in einer sehr an Lovecraft angelehnten Art und Weise von der Suche eines Gelehrten nach einem Grimoire. Seine Spur führt ihn in ein fiktives Küstendorf. Es ist September, der Himmel grau. Eine gute Atmosphäre für die Entfaltung grauenhafter Geheimnisse. Sicher, die Geschichte kann nicht viel Überraschendes bringen, diese Ausgangssituation gehört wohl schon zu den Standards der Weird Fiction.
Allerdings geht der Autor etwas weiter als sein Vorbild, er zeigt mehr von dem schier unaussprechlichem Monster, das da unter der Wasseroberfläche haust. Hier durchbricht er gar seinen mir so zumindest aufgefallenen Grundsatz, nicht zu viel zu verraten.
In "Herr Golloch" zum Beispiel erfährt man überhaupt nichts über die Gründe, weshalb die Titelfigur die Protagonisten tötet. Auch wenn das "Verfahren", welches Herr Golloch zur Tötung anwendet, immer das gleiche ist, und dadurch die Handlung eventuell an Spannung einbüßen könnte, vermag es der Autor, ganz schön zu fesseln. Irgendwie hofft man als Opfer/Leser, daß das Unheil doch noch an einem vorüber geht.
Auch wenn der Stil der Geschichte ähnlich "altertümlich" wirkt, wie man dies bei Lovecraft und seinen Epigonen kennt und mag, ist diese wesentlich flotter, moderner. Sie zeigt in Andeutung einen anderen Jens Schumacher, auf den ich nun mächtig neugierig geworden bin ("Kanon der Melancholie" und "Das Lied vom Untod" stehen auf meiner Lesewunschliste).
Eigentlich gibt es an den Geschichten kaum etwas auszusetzen. Sicher, wer mir dem antiquiert wirkenden Stil eines Lovecraft nicht zurecht kommt, wird hier auch nicht so richtig glücklich werden. Wenn aber doch, dann ist diese Lektüre die richtige Wahl!

240 Seiten,
(c) T.H., 1997